Juni 2012

SCHAFSKÄLTE UND NACHDENKEN ÜBER ANDERES HIER IN THUNESIEN….

Da sitze ich vor 3 Tagen nachts um 3 Uhr auf meinem Balkon und rauche eine der giftigen Camels und es ist verdammt kalt. Das Thermometer zeigt 11 Grad, uhhh, igitt, das ist dann die Schafskälte, denke ich, und irgendwie denke ich in meiner nächtlichen Benommenheit noch etwas über den Begriff Schafskälte nach. Irgendwie komisch, Schafskälte, wo wir doch schon längst keine Schafe mehr zu Gesicht bekommen… aber wir sagen ja auch Volksvertreter und die vertreten das Volk auch nicht wirklich oder wir haben Flurnamen wie Eichmatt und da ist weit und breit keine Eiche mehr, und keine Matte.. Gut, ich gehe wohl besser noch etwas schlafen, sonst lande ich mit meinen Gedanken noch bei der Weltwirtschaft und dann reicht diese Nacht nicht aus und ich bin eventuell erfroren. Wer seit Jahren Tag und Nacht vertauscht, hat irgendwann einmal Schlafstörungen, wie ich sie seit Jahren habe. Keine Panik ist hier die Devise, ein gutes Buch, die WOZ oder Le Monde Diplomatique neben dem Bett ist allemal besser als Medikamente. Schlafstörungen geht man am Besten locker an, z.b. die Fensterläden nicht schliessen, so hat man dann beim nächsten Erwachen die Gewissheit, dass auch diese Nacht zu Ende geht. Beim nächsten Auftaucher dieser Nacht, um 5.50 Uhr, sah ich dann von meinem Bett aus das rot strahlende Blüemlisalpmassiv und den langsam heller werdenden Niesen.. wunderschön.. ich spürte wieder einmal: auch Schlafstörungen haben etwas Positives.

Gut, manchmal wird es einem ab der Nachtlektüre fast anders, und einige Artikel muss man zweimal lesen, weil man einfach fast nicht erfassen kann, was da steht. In einem Artikel in Le Monde Diplomatique geht es um eine neue Foxxcom-Fabrik in China. In 79 Tagen wird eine Fabrik für 200`000 Arbeiter/innen mit 50`000 Schlafplätzen, Strassen und Zäunen mit Stacheldraht oben drauf, hochgezogen! 10`000 Einwohner/innen werden von ihrem Land vertrieben… in der Fabrik werden I-Pads und I-Phones für die Firma mit dem Apfel montiert. Ein Arbeiter erhält bei einer 66- Stunden-Woche für seine Arbeit (sprechen verboten, Wasser trinken und auf die Toilette gehen nur in Pausen erlaubt) 280 Fr. im Monat. Hier bei uns stehen dann die Menschen mit diesen weissen Spielzeugen verloren in der Gegend rum und sagen so Sachen wie: Hey, wo bisch du? Aha! I gseh di aber nid! Eh mou, itze gseh di.. auso bis nähr.. Unsere wachsende Hohlheit geht auf Kosten von jungen Menschen, weit weg von uns, die ihr Leben als Arbeitssklaven fristen müssen, für unseren Lifestyle. Ich hätte manchmal grösste Lust, die Handyverbindungen wegzaubern zu können… einfach tätsch, fertig und dann mal schauen was passiert… Alle am Arsch, eine ganze Mobil-Telefon-Welt kracht zusammen und das pure Chaos bricht aus. Niemand weiss mehr, wer seine Freunde sind, und nur schon: wohin mit den Händen, und dann die Ruhe…!

Nicht nur Foxxcom in China zieht Zäune um ihre Fabriken, auch hier ist es eine Unmode geworden, Baustellen einzufrieden wie Hochsicherheitsknasts. Die Grossbaustelle auf den Rex- und Gerber-Arealen ist mittlerweile mit weiss gespritztem Blech mit orangem Marazzi-Abschluss vollflächig abgeschirmt. Nicht einmal mehr Rentnerkino gönnen uns die mächtigen Investoren, die ja nicht einmal mit den direkt betroffenen Anwohnern kommunizieren. Das haben die wohl auch nicht nötig… denn, kommt man in Thun mit 156 Millionen Investment daher, sind alle Türen und Tore weit geöffnet. Wir, CAFE BAR MOKKA, verloren über Nacht 100 Velo-Parkplätze, einfach so. Wo seit über 15 Jahren unsere Besucher/innen ihr Velo abstellen konnten, steht jetzt der Blechzaun mit dem orangen Abschluss und Ersatz für die Velo-Parkplätze ist nicht in Sicht. Niemand hat mit uns gesprochen, keine Information von irgend einer Seite. Wenn man sich auf dem Bauamt bis zum Stadt-Ingenieur durchtelefoniert hat, ist man schon fast Al Quida Mitglied mit seinem Anliegen um Klärung, Besprechung, Lösung des Problems. < Ja Herr Anliker, ich muss einmal abklären, was unsere Mitarbeiter …>, dann hört man nie mehr etwas, und 3 Wochen später ist der Mann dann eine Woche lang immer an einer Sitzung.. Ich habe dann die Frau am Empfang gefragt, ob wir eventuell eine Wundsalbe liefern sollen, weil doch das viele Sitzen…. Die fand das nicht wirklich lustig. Beruhigend ist aber,folgendes: Laut einem Bericht im Blettli, fahren ein paar Mitarbeiter des Bauamtes per Velo zur Arbeit, weil die dort auch noch Velo-Parkplätze haben, und sie t(h)un dies wohl auch bei Schafskälte.