November 2009

KULTURZNACHT… DER SOMMER WIRFT IMMER NOCH WELLEN UND WIR..??? WIR  WERDEN NOCH HÄRTER IM NEHMEN… TEXT ZUM NOVEMBER 2009

Eigentlich dürfte ich zur Zeit gar nicht in meinem Höllloch Büro vor der Tastatur meines Mac`s sitzen, alleine… nein, ich sollte mich zu Hause vor dem Spiegel drehen und wenden… oh, sehe ich heute wieder engagiert aus… unwiderstehlich… uhhh..!!! den Haargel in Griffnähe, die roten Schuhe auf Hochglanz poliert, noch schnell das Kaschmir Halstuch dezent parfümieren, das Portemonnaie füllen, sehr wichtig..!!! dann langsam, mit meinem weissen I-Phone mit meiner Clique Kontakt aufnehmen… Ja genau, ich bin gut auf Kurs, parat für das Event der Events, parat für: I am the Pink Panther.. Thune i am ready… and i am so hot.. Baby….!!!! Die Strassen unserer Stadt vibrieren förmlich, alle spüren das Fieber…. Thun brennt seit heute, Samstag 24. Oktober 2009, morgens… niemand kann sich dem Feuer und dem Virus entziehen… nein, niemand, niemand…  ausser dieser ewig schnödenden Tränendrüse an der Allmendstrasse 14, dort in diesem Jugedkaffee, wo sie nicht einmal Pink Apéros servieren, die Banausen. Nun, wer keine Zeitung liest und kein I-Phone hat, versteht jetzt vielleicht Bahnhof und wenn er/sie diesen Text z.B. am 10. November 2009 liest, eventuell nur S-Bahnhof…. darum hier die Erklärung:

Heute, Samstag 24. Oktober 2009, ist in Thun KULTURNACHT und wir werden zur Metropole der Kultur und nicht nur der Kleinkunst, wie sonst das ganze Jahr… ganz Europa blickt heute auf uns, zu der unheimlichen Innovation mit der dieser Anlass geplant und durchgeführt wird.. Thune are Pink City..!!!! Pink nicht etwa als Willkommen für Schwule und Lesben… nein, viel globaler.. Pink als Farbe der Gastfreundschaft.. Heute werden bei den Autobahn Ausfahrten Thun Nord und Thun Süd, Komitees aus Politikern und Kulturschaffenden stehen und den ankommenden Gästen aus ganz Europa pinkfarbene, alkoholfreie Softdrinks servieren und ihnen pinkfarbene Blumenketten als Zeichen des Willkommen-Seins um den Hals hängen. Das finde Ich ein schönes, offenherziges Zeichen von menschlicher Nächstenliebe und Völkerverständigung. Wenn dann am Nachmittag erst die 1015 Personen mit den roten Schuhen, den Pink gefärbten Jacken und Pullovern, den dezent versteckten Umhängetaschen mit den <Thurgauerin, Bernerin, St. Gallerin> Aufdrucken, um den Körper ein pinkfarbiges A3 Karton nach genauer Berechnung eines ausgebildeten Künstlers in die Höhe halten und in einem Gemeinschaftsakt das Wort KULTUR schreiben, dann ist schon fast der Multiple Orgasmus des Organisationskomitees erreicht, obwohl die Kulturnacht 2009 erst später durch ein Aufspielen der Kadettenmusik und einem Showcase einer Majoretten Truppe offiziell eröffnet wird. Das ist dann eigentlich das Härteste daran, das die Eröffnung eines solchen Anlasses so rechtsbürgerlich und platt geplant wird… wo bitte werden da Zeichen gesetzt ??? und in welchem Jahr leben wir eigentlich??? selbst die Kantonal Bernische Gewerbeausstellung KABA wurde Anfang der 50ziger Jahre wohl innovativer eröffnet.

KULTURSCHACHT, KULTURWACHT, KULTURFLACHT, KULTURZNACHT, KULTURNACHT !!

Kultur: Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäusserung einer Gemeinschaft, eines Volkes.. so schön steht es im Fremdwörterbuch des Dudenverlages.

Grundsätzlich weis ich, dass man in der Kultur-Szene niemanden der auch aktiv, in welcher Form auch immer, tätig ist, darf a ds Bei bisle… aber in der letzten Zeit wird der Begriff Kultur und Kulturschaffen, explizit in dieser Stadt, doch sehr arg strapaziert und ich habe mir für meine Zukunft wiederkehrende Radikalisierung geschworen. Yeah..it`s Rock`n`roll.. but i need it…!!!!!
Thun ist heute, im 2009, auch nach 23 Jahren konsequentem Arsch-Aufreissens für hoch-stehende, aktuelle und zeitgenössische Musik weit davon entfernt, eine Kultur- oder Musikstadt zu sein. Wir sind sogar sehr viel weiter davon entfernt eine Kulturstadt zu sein, als wir das vor 10 Jahren noch waren. Thun ist und bleibt die Stadt mit Menschen, die gerne Drogen in allen Variati-onen und in allen Lebenslagen konsumieren, die gerne Wegschauen und alles gerne easy haben, kein Engagement bitte, keine Meinung, warum auch ?? Hey, lieber chli Aperöle us chli pflege.. Dazu braucht es nicht mehr als ein gut funktionierendes, über die ganze Stadt verteiltes Dealer Netz und das ist in Thun schon lange garantiert.

Musik ist im Leben junger Menschen heute nur noch ein Tool mehr.. der Musikmarkt ist so was von am Arsch und auch wir wissen nicht wie wir die Spirale brechen können. Wir wissen nicht, was im Moment der Killer ist, wir wissen nur, dass es so nicht mehr stimmt und wir im Moment keine wirklichen Perspektiven haben. Der zu-schöne Spätherbst brachte kaum jemanden in ein Konzertlokal, ermöglichte das ewige an der frischen Luft hängen, das Sixpack herumtragen als Jugend und Sport Disziplin und das unmotivierte irgendwo sein wo auch irgendwie andere auch einfach so sind… und sich dabei vielleicht noch die Möglichkeit ergibt, irgend Jemanden zu dissen, anzuficken oder vielleicht sogar zusammenzuschlagen…. Ist es das Rauchverbot, das unsere Disco-Eintrittszahlen um 80% schrumpfen liessen, seit wir Mitte September wieder Eintritt verlangen ? Die Erfahrung ist ziemlich niederschmetternd, Ich hätte nie geglaubt, dass wir das so klar spüren werden. Wenn sich einmal 20 Leute zusammen in der Disco aufhalten hat man fast schon das Gefühl von vollem Haus… aber nur, bis 10 Personen wieder rauchen gehen… Scheisse.

Live Konzerte sind eine aussterbende Unterhaltungsform… ausser es sind <Super Spezielle Acts> die Mann/Frau vom Fernsehen oder vom <Blick am Abend> kennt… die scheinen noch zu funk-tionieren.. Jan Delay in der Tennishalle Uetendorf, der Ort öde wie nur etwas… aber 1500 Leute an einem Mittwochabend… der Eintrittspreis 60.- Fr.!!!!!!!  Wir hatten für die Saharaui Band Terakaft, die am FESTIVAL AM SCHLUSS 09 den Platz füllten, am Freitag 23. Oktober gerade 35 Personen, die je 23.- Fr. zahlten, was in etwa die Hotelkosten deckt. Besserung ist erst im November 2009 in Sicht… dann aber wollen wir wieder abdrücken, weil uns sonst noch das Gesicht einschläft an den heiss erwartenden Club Nächten…. Noch beschissener geht es im Moment den Tourenden Musikern, sie müssen die leeren Clubs mit den frustrierten Betreibern ertragen, verkaufen somit auch keine CD`s und T-Shirts mehr und verlieren so die letzte Einnahmequelle. Die Diskrepanz zwischen der Arbeit für und auf unserer Bühne und dem Thuner Nacht Publikum kann nicht grösser sein als sie im Moment ist, die beiden Teile haben wie nichts mehr miteinander zu t(h)un.. Während Ich das Licht für eine Show fahre, sind draussen 200 Kids am rumgröhlen und am <umechodere>, im Raum sind 20 Menschen mit einem Durchschnittsalter von fast 30 Jahren….

Tröstend ist aber das die Leute, die bei uns Shows unbekannter Künstler/innen besuchen meistens glücklich sind mit dem was sie erleben und entdecken dürfen und so wird das Wort: „Merci“ wieder in den Mund genommen und das erfreut uns natürlich sehr, weil ja Menschen glücklich machen, der schönste Teil unserer Arbeit ist….. und ein Danke manchmal runter geht wie eine Honigmilch… Die meiste Arbeit ist aber die im Büro, die man einfach so macht, die man auch nicht sieht und die immer umfangreicher wird, weil auch immer mehr Datenmengen von hier nach dort gebeamt werden, weil das ja so einfach geht… Die jungen Kundinnen und Kunden sehen mich dann auch als einer, der <im Möggu> nicht wirklich arbeitet… Hey Mc, i ha di no nie würklech gseh bügle..! nume geng so moderiere oder im Fernseh… Merci für die Nelken lieber, sehr betrunkener, junger Mann… das war ein nettes Schlusswort zu einem 15 Stunden Arbeitstag. Ewige Jugend strebe ich ja nicht an und Berufsjugentlicher will ich eigentlich auch nicht sein, aber als ich an einem Anlass des Thuner Seniorenrates vor 170 Personen sagte, dass ich gar nicht 80 jährig werden will, weil das Fernsehprogramm schon heute so Scheisse ist und dass dies in 30 Jahren wohl nicht besser sein wird, kam am Schluss ein dynamischer Mann auf mich zu und meinte: „Herr Anliker, überlegen sie es sich gut mit dem 80zig werden, ich werde nächste Woche 80zig und mir ist es nie langweilig und ich schaue auch fast nie Fern…!!“

Ich freue mich nun auf einen Winter, der uns hoffentlich abends Temperaturen bringt, die der ewigen Gartenparty ein Ende setzt und die Menschen dazu bringen wird, wieder in einen Musikclub zu investieren… den an unserem Programm kann es definitiv nicht liegen, das kann ich auch als Befangener in dieser Frage klar sagen.

Auf einen fetten November mit vielen glücklichen Menschen, durchgetanzten Lackschuhen und
aufgetankten Sinnen…. euer:
MC ANLIKER

MASTER OF CEREMONIES CAFE BAR MOKKA THUN
MASTER OF SECOND HAND ROSES IN THE BATHROOM