Juli 2008

DIE WELT ALS DORF, ODER EIN PAAR GEDANKEN ZUM NATIONALFEIERTAG 2008

Liebe Frauen und Männer, liebe Gwatterinnen und Gwatter, die Einladung, hier im Gwatt an der 1. Augustfeier eine Rede halten zu dürfen, hat mich sehr gefreut, weil man ja sonst um als 1. August Redner angefragt zu werden, ein Promi aus Sport oder Wirtschaft, ein Unternehmer oder weit über 70 Jahre alt sein muss… Ich bringe nichts von dem… Als Rizzi Kurt vom OK der 1. Augustfeier mich anfragte, habe ich spontan zugesagt, weil ich Rizzi Kurt vor 30 Jahren als sehr geraden und fairen Chef erlebte und wenn jemand aus dem Gwatt eine Brandrede zum Nationalfeiertag wünscht, ist es nahe liegend, dass ein Spezie wie der Anliker die Rede hält… Also:

When the morning skies grow red  And o’er us their radiance shed,  Thou, O Lord, appearest in their light. When the Alps glow bright with splendour,  Pray to God, to Him surrender, For you feel and understand, That He dwelleth in this land.

Cool he..??? Ich verstehe auch fast nichts davon… Aber es ist modern… Nun, ich denke, dass Ihr das eher kennt:

Trittst im Morgenrot daher, Seh’ ich dich im Strahlenmeer, Dich, du Hocherhabener, Herrlicher! Wenn der Alpenfirn sich rötet, Betet, freie Schweizer, betet!  Eure fromme Seele ahnt  Eure fromme Seele ahnt   Gott im hehren Vaterland,  Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Der Schweizerpsalm wird ja heute Abend hier auf der Lindenmatte auch noch gesungen, der Text ist uns aber so unbekannt und so weit von unserem <modernen> Leben entfernt, dass er jeweils gedruckt und verteilt werden muss an den 1. Augustfeiern, wie dieser hier, betet freie  Schweizer betet…

Was aber haben wir denn zu feiern an unserem Nationalfeiertag?? Dem Geburtstag der Eidgenossenschaft, dem Gebilde in dem schon lange keine Eide mehr geschworen werden und wo schon lange keine richtige Gemeinschaft mehr besteht und in der wir weit weg vom Genossenschaftsgeist sind, sehr weit weg. Wir brauchen uns ja heute nicht mehr wirklich, es ist nicht mehr chic, sich für das Gemeindewohl einzusetzen, warum auch..??? Das bringt doch nur Stress, das sollen doch andere machen… I gibe eh nüt uf Politik… Di mache sowieso, was wie, z’Bärn unge…
Ja meine sehr verehrten Damen und Herren, wir sind eine richtige Ich Gesellschaft geworden in den letzten Jahren… Ich und dann Ich und eventuell noch jemand neben mir, der mir auch noch etwas bringt, aber dann sicher wieder Ich… Wir alle geben heutzutage unsere ganze Energie lieber für einen sehr kleinen, privaten, Mikrokosmos her, als für das Wohl der Allgemeinheit… Clubs und Vereine finden kaum mehr irgend jemanden für die Ausübung der Verwaltungsstrukturen, die im Vereinswesen eben anfallen, niemand will mehr Verantwortung übernehmen, sich positionieren und Farbe bekennen…

Das ist leider auch in den Verwaltungen unserer Gesellschaft, mittlerweile eine Riesenfirma mit tausenden von studierten Menschen, die sich um fast alle Belange unseres Lebens kümmern, nicht anders… Der Mut zum Entscheid fehlt vollständig, die Angst davor, etwas zu machen, das einem Vorgesetzten missfallen könnte und die Angst vor den Auswirkungen dieses Nichtgefallens ist so gross, dass viele Menschen in ihren Berufen zu absoluten Befehlsempfänger und Kriecher mutieren, eine Entwicklung, die uns sehr viel Geld kostet, weil verhinderte Mitarbeiter auch nur verhinderte Leistungen erbringen. In allen Bereichen fehlen immer mehr Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten, die zwar meistens nicht so beliebt sind, aber dafür umso zuverlässiger und belastbarer…

Im Moment wird jede Stabsstelle in der Stadt- und Kantonsverwaltung mit Akademikern besetzt, so kommen immer mehr Studierte in die Verwaltung, das bringt eine Veränderung der Arbeitskultur mit sich (hier die Alten, die seit Jahren am Werk sind, die den Laden kennen und dort die Neuen, die sich erstmals in die Materie einlesen müssen, ein paar Monate lang). Diese Entwicklung bringt immer grössere Personalkosten mit sich, weil heute ein Projektleider im Städtischen Bauamt Lohnmässig dort anfängt, wo ein Arbeiter, der sich 20 Jahre hochgearbeitet hat, aufhört… Neue Strukturen mit weniger Mut zum handeln, brauchen mehr Absicherung, mehr Ab- und Rücksprache, somit mehr Sitzungen, mehr Protokolle, es werden Positionspapiere ohne Ende geschrieben, Legitimations Dossiers vorgelegt… Es wird soviel gearbeitet in der Verwaltung, dass sich jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter, bei der selbst Einschätzung der Arbeitsleistung, die maximale Punktzahl, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, geben kann!! New Public Management nennt man das.. Oder, schöne neue Welt… Ich als Bürger und Veranstalter von Anlässen in dieser Stadt, habe dann halt Pech gehabt, wenn alle an Sitzungen sind… Är isch äbe grad are Sitzig u när ischer usser Huus u wesim längt, chunnt är vilecht vorem Firabe no zrugg, aber äuä nid… Dir chöit doch de morn probiere… Merci viumau u de ä schöne Abe Herr Angliker… Hei geits no…??? Es ist erst 15 Uhr…!!!

Bis Ende August haben wir ja jetzt wieder Zeit unsere Hecken und Büsche, die an Strassen und Trottoires stehen auf Millimeter Schnitt zu drimmen… Sonst…!!! Auch wenn der Weg kaum je beschritten wird, muss das Zeugs weg… Das Züüg mues wägg.!!! Aber, A: Ist Sommer definitiv nicht die Zeit um Büsche zu schneiden, und B: welche kranken Seelen denken sich diesen Garten Faschismus eigentlich aus…??? Wo ich wohne, haben sie nun Alleebäume gepflanzt quasi in einen alten Baumbestand hinein… Ein Arbeiter mit dem Bagger und Radio Beo in der Kabine, hat einen Tag lang mit der Baggerschaufel um die Bäume rum gegrübelt und irgendwie so getan, als das einen Sinn macht… Ich bin überzeugt, dass in 5 – 6 Jahren, die Aufforderung kommt, unsere Bäume massiv zurück zu schneiden… Das stellt wiederum die Frage in den Raum: In wessen Auftrag handelt eigentlich die Verwaltung..???

Das Volk, die Gesellschaft sind wir, aber wir sind mittlerweile so desinteressiert an dem was hier in unserem Namen geht und an dem was wir mit unseren Steuergeldern zahlen, dass wir lieber, wenn wir eine Möglichkeit dazu haben, Steuerhinterziehen, eh ein Kavalliersdelikt… und Versicherungen betrügen, nach den Ferien, also zu uns schauen, wieder einmal… Ausnahmsweise quasi… als dass wir uns einsetzen für unser Land, in dem wir tagtäglich leben, leiden und hoffentlich auch lieben.

Unser Horizont als kleine Schweizer, ist dank den Globalen und Omnipräsenten Medien, so gross geworden, dass die nahe liegenden Sachen nicht mehr wirklich von Interesse sind… In der Gratiszeitung <20 Minuten> kommt erst etwas aus Thun, wenn es mit Sex oder Gewalt zu T(h)un hat… Und die Zeitung aus Thun, ist  wiederum nicht gratis… Rechne… Mittlerweile befassen wir uns mehr und mehr mit unwichtigen Sachen, wissen, was für einen Slip die Schlampe Britney Spears anhatte, als sie am letzten Freitag sturzbetrunken in Beverly Hills, Californien, aus einem dunkelblauen Bentley torkelte… Wir wissen welcher Notfall <Deutschland sucht den Superstar> gewonnen hat, und wir kennen die echten Sorgen und Nöte deutscher Teenies aus den Talkshows… Ja, die Schlampe fickt mit meinem Freund, ich weiss es… Und sie war doch meine beste Freundin… Die letzten 3 Tage…

Klar sind wir Europäer, Weltbürger, Kosmopoliten und müssen wissen, was geht auf der Welt… Nebst dem wir Thuner… Gwatter oder Glatter sind, sind wir aber vorallen privilegierte Menschen, die wirtschaftlich auf der Sonnenseite dieses Planeten leben und unseren Wohlstand, der uns so träge gemacht hat, auf Kosten der armen, unterprivillegierten Menschen dieses Planeten, immer noch halten können… Steigende Lebensmittel-Preise als Bedrohung unserer Existenz…????? Das sehen wir uns im Fernsehen an, die Berichte aus Afrika und Indien, mit den Chips im Schälchen auf dem Salontisch und dem kühlen Feldschlösschen – direkt aus dem Schloss – in der Hand… Also nichts von Bedrohung… Was gehen uns all diese Leute, die da auf diesem Planeten mit uns zusammen Gastrecht haben, an??? Solang no Chole chöme weme z’Chärtli inelat…

Die Welt als Dorf…

Wenn man die Weltbevölkerung (zur Zeit rund 7’000’000’000 Menschen, jedes Jahr rund 80 Millionen Menschen mehr) auf ein 100 Seelen zählendes Dorf reduzieren könnte und dabei die Proportionen aller auf der Erde lebenden Völker beibehalten würde, fände sich in diesem Dorf folgende Zusammensetzung:

57 Asiaten (davon 21 Chinesen und 16 Inder)
21 Europäer (einschliesslich 3 Russen / Ukrainer)
9 Lateinamerikaner
8 Afrikaner
5 US-Amerikaner / Kanadier
0,3 Australier / Ozeanier

Es gäbe:

52 Frauen und 48 Männer
30 Weisse und 70 nicht Weisse
30 Christen und 70 nicht Christen
89 Heterosexuelle und 11 Homosexuelle

5 Personen besässen 59 % des gesamten Reichtums
80 lebten in maroden Häusern
70 wären Analphabeten
50 würden an Unterernährung leiden
1 wäre dabei zu sterben
1 wäre dabei geboren zu werden
1 besässe einen Computer
1 hätte einen Universitätsabschluss

Wenn Du zur Kirche gehen kannst, ohne Angst haben zu müssen, bedroht, gefoltert oder getötet zu werden, hast Du mehr Glück, als 3 Milliarden Menschen. Wenn Du Essen im Kühlschrank, Kleider am Leib, ein Dach über dem Kopf und einen Platz zum schlafen hast, bist Du reicher, als 75% der Menschen auf dieser Erde. Wenn Du Geld auf der Bank, in Deinem Portemonnaie und im Sparschwein hast, gehörst Du zu den privilegiertesten 8% dieser Welt.

Dass es uns so gut geht, dass wir so privilegiert sind, haben wir schlicht nicht mehr im Hinterkopf… Wir sehen vor lauter Ablenkung durch all diese Nebensächlichkeiten, durch den kampf um den  Erhalt unseres hohen Lebensstandartes, z.B. die Schönheit dieses Landes kaum mehr und wissen gar nicht mehr, wie gut es uns geht, hier.  Als Konzertveranstalter habe ich jährlich um die 800 Menschen aus anderen Kontinenten und Ländern hier in Thun zu besuch und alle, alle!!! Finden das hier schlicht wahnsinnig… Die gehen fast in die Knie, vorne im Schadaupark… Oder wenn sie in unserem Partnerhotel, dem Bellevue-au-Lac in Hilterfingen aus dem Bus steigen… Und so sehe ich seit Jahren, zum Glück, unsere Gegend immer wieder mit fremden Augen und muss sagen, die haben Recht. Es ist so eine schöne Gegend hier, Wahnsinn.

Wir Schweizer sind aber leider eine verwöhnte, dröge, devote, unzufriedene, Kriecher-Gesellschaft geworden, in der niemand mehr zu sagen wagt, was Sache ist, weil die Verlustangst uns bedrängt, die Verlustangst, die nur den Besitzenden ergreifen kann… So ist es…!!! Habe ich nichts, habe ich auch nichts zu verlieren..!!!

Die wirkliche Gesallschaftspolitik wird bei uns seit Jahren von der Wirtschaft gemacht, sie bestimmt, mit was wir uns beschäftigen, Beispiel was wir Fernsehen… Nur noch die doofen Talkshows, Gerichtssendungen mit angeklagten Frauen, die alle wie Bitches, Huren aussehen und Männern, die so doof sind, dass man sie 3 Tage <<chönnt nonstopp chläpfe…>> Und die dort Dialoge halten, für die man Gehirnamputiert sein muss… Und, nur noch Sport, Softsex und Action… Wir aber würden besser wieder Nah sehen, statt immer nur Fern sehen…

Die Wirtschaft bestimmt für was wir unser Geld ausgeben, sie schaffen unsere Bedürfnisse, sie macht uns süchtig… Beispiel die Mobiltelefon Sucht, eine Sucht, die epidemische Ausmasse angenommen hat, quasi eine Telefon Pandemie, 1000x gefährlicher, als Ebola, die Vogelgrippe und Aids zusammen… 1980 gab es das erste Mobiltelefon von Ericson in einem schweren Koffer, den man ans Stromnetz anschliessen musste, mit einem Hörer am Kabel und einer Antenne, die man ausziehen musste… Der Kasten  kostete um die 10’000 Fr…. Telefonieren konnte man innerhalb von 5 grossen Schweizer Städten zu Minuten Preisen von gegen 6 Franken… Heute, 28 Jahre später, haben ein paar hundert Millionen Menschen auf diesem Planeten, das Hirn und das Urvertrauen an ein strahlendes Stück Mangan und Erdoel verloren… Abartig! Zu jeder Gelegenheit ein Anruf, eine SMS oder ein MMS… Begriffe, die wir zudem nicht einmal richtig erfassen können von denen wir nicht einmal wissen, was sie genau bedeuten, haben wir heutzutage zu hunderten in unsere Sprache eingebaut… Der SMI ist heute 0,23% runter… Der Nastac schloss heute mit minus 0,07 Punkten… Und, bei jeder Gelegenheit, ob passend oder unpassend wird telefoniert…

Eine kleine private Grillparty mit 8 – 10 Menschen, zur Hebung des sozialen Presiges… an einem Samstag Abend am Lüssliweg im Gwatt z.B. braucht sicher 117 Anrufe und 70 SMS. Los itz, der Ueli geit itz doch nid über Seftige, wiu är z Münsige no d Salatschüssle bir Chrischtine mues ga hole… De muesch Du itze luege ob dr Patrick vilecht bi Dir chönnt verbi cho… Weisch, d’ Sonja isch drum das Wucheänd mit Fründinne z Öschtrich u de hetter ja sicher Platz im Outo… Oder so…

Telefonieren statt zusammen reden… An der besagten Grillparty sind dann sicher die Leute noch den halben Abend am SMS drücken und telefonieren und sind somit gar nicht mehr da, wo sie sind, dauerhaft gar nicht anwesend, immer an einem anderen Ort, sich gar nicht mehr real einlassend im Hier und Jetzt, dauernd auf der Flucht…!!!… An Konzerten telefonieren, beim Autofahren, lässig mit 2 Fingern der nicht Telefon-Hand, den 3 Tonnen Jeep steuernd, der besten Freundin das Ohr heiss quatschen… Situationen, die mich als Velofahrer jeden Tag von neuem stinkehässig machen… Weil der so gesteuerte Wagen meist nicht wirklich auf Kurs bleibt… und ich als Velofahrer dadurch gefährdet werde… Da ist aber noch etwas, meine verehrten Damen und Herren, das niemand bedenkt… Ein Mensch, der 35 Mal im Tag seinen Handy Display checkt, prüft 35 x ob jemand an ihn gedacht hat, quasi 35 x die Kernfrage der Menschheit: wär hett mi gärn…??? Und das jeden Tag 35 x, da muss man ja blöd werden, weil: Jeder Mensch will geliebt werden… Es gibt aber viele Leute, die checken ihren Display alle 5 Minuten… Das sind dann weit über 200 x im Tag… Wahnsinn!

Die Ich Gesellschaft glänzt vor allem durch Unwissen, Dummheit, Desinteresse und Rücksichtslosigkeit… Tendenz in den letzten 2 Jahren radikal steigend… Ich arbeite jetzt seit 24 Jahren in der Vermittlung von Kultur und habe in der Zeit zig Generationen erlebt, aber was sich in den letzten Jahren und Monaten abzeichnet gibt mir extrem zu denken… Ich muss mich mittlerweile in meinem Club, als bestandener Mann, der ja auch nicht gerade eine Figur wie ein Schluck Evian hat, von 16jährigen Babys Sachen sagen lassen, die man all die Jahre vorher nie für möglich gehalten hätte… blabla… (es folgt eine Berndeutsche Geschichte, die mir bei meiner Arbeit, am ersten Clubtag des Jahren 2008 passiert ist, die hier aber aufzuschreiben den Rahmen sprengen würde…)

Wir erleben momentan einen radikalen Abbau von Respekt, Anstand, Erfahrung und Weitsicht… Nach uns die Sinntflut scheint die Devise zu sein, mein Handeln ist mein Handeln und das geht niemanden etwas an…Genau das was uns die Wirtschaft vorlebt… Die fetten Gewinne absahnen.. und sobald es nicht mehr so läuft, wie es sollte, oder wenn es zuwenig Gewinne gibt, kommt dann der Staat zum Zug… Sozialpläne bei Massen-Entlassungen, Sozialgelder für die Ausgesteuerten und den Rest entsorgt die Wirtschaft über die Invaliden Versicherung, IV… Saubere Vorbilder, die Herren Wirtschaftskapitäne… sie sind auch unmoralisch und unersättlich geworden, wenn es um ihre private Bereicherung geht.

Der Jugendwahn der heutigen Zeit, führt dazu, dass wir der Jugend heute ganze Gemeinplätze überlassen, für die sie definitiv noch zu jung sind. Eltern wollen heute Kumpels der Jungen sein, räumen ihnen alle Steine aus dem Weg, erfüllen den Jungen jeden Wunsch, der ihnen möglich ist und lassen ihnen Freiheiten, mit denen Kids, Jugendliche, nie umgehen können… Das nur, um ja nicht als stierer Sack dazustehen und auch um ja keine Probleme mit den Kids zu haben… Hey easy…!! Kids von heute: Mit 10 das erste, kleine, Tatoo, mit 13 ein Nasenpearcing und mit 17 sind die einst so herzigen Kinderchen mit Höhlenmalereien vom Steissbein bis zur Schulter, auf Lebzeiten, verunstaltet und sehen aus, wie einst ein stolzer Maoori Häuptling in der Südsee, der 26 Seeschlachten für sein Volk gewonnen hat… Und, wo ist da die Steigerung noch möglich?? Vielleicht dann mit 20…: I ha mir überleit, ob i z’Dütschland sou ä Domina Usbiudig ga mache… Sic… Sic… Obwohl ja jeder anständige Mann da draussen weiss, dass eine fähige Domina, mindestens 40 Jahre alt sein muss… um ihren Beruf gut zu machen…!!!!!

Auch Drogentechnisch lassen wir den Jungen heute viel zu viel Auslauf… Meine Damen und Herren, was da jeden Abend in unserer nächsten Nähe abgebrannt, reingeschnupft und vor allem reingeschüttet wird, geht nun schon lange in keine Kuhhaut mehr… Gehen Sie einmal auf das Grunderinseli oder auf die Seematte im Kanderdelta oder in den Schadaupark oder auf den Thuner Mühleplatz, an einem Sommerabend… Sie sollten auch einmal morgens im drei im Bermuda Dreieck Thuner Innenstadt / Allmendstrasse / Bahnhof ein Auge reinwerfen, sie würden das, was sie sehen nicht für möglich halten, hier in dieser Stadt… Es scheint, dass alle vor diesen Horden von gegen aussen so cool wirkenden Kindern, kapituliert haben. Wenn ein paar 12 – 14jährigen Homies (Buben, die weite Hosen ganz weit unten am Arsch und ein Käppli tragen, dazu immer auf den Boden spuken, etwas war wir alten besonders nicht ausstehen können, das diese Kinder aber den überbezahlten Fussballern im Fernsehen abgeschaut haben…) aus der Bostude, auf dem Trottoir stehen, so dass niemand mehr wirklich durchkommt… Da wagt sich schon lange niemand mehr etwas zu sagen… Aus Angst, von diesen Schissen fertig gemacht zu werden… Stellen Sie sich in diesem Moment diese Büeblis einmal nackt oder in Unterhosen vor, ohne die blöden Chäppli und ohne diese Hosen, die immer kurz vor dem herunterfallen sind, ohne die 300.- fränkigen Turnschuhe mit den offenen Bändeln… Dann habt ihr genau das Bild vor Euch, das eigentlich wäre… Ein paar unsichere Kinder, die nicht wissen, wohin mit den Händen und die am liebsten noch einen Nuggi hätten…

Der Jugend gehört scheinbar ein grosser Teil der Gesellschaft, weil wir Grufties alles zahlen was die Jugend heute so zur Persönlichheitsmanifestierung braucht, weil wir eben Kumpels unserer Kids sein wollen, was wiederum die Jugend so attraktiv für die Wirtschaft macht… In dem die Kids heute wieder bis 30 und länger im <Hotel Mutter> wohnen, 5 Sterne Vollservice und bitte keine moralische Einmischung, haben sie das Geld für das alles was sie sich regelmässig leisten… Ein Besucher eines Konzertes mit Fr. 20.- Eintritt lässt heute locker noch zusätzlich Fr. 30.- –  50.- liegen, weil es ja Weekend ist am Donnerstag… Aber as Weekend hat heute 4 – 5  Tage… Alles nach dem Motto… Man gönnt sich ja sonst nichts… Und: Eine heimer immer no gno… Das isch äso…

Eigentlich geben wir aber der Jugend kaum mehr wirkliche Chancen, wie wir sie z.B. in den 70ern hatten… wir haben heute so dermassen hohe Anforderungen für jeden Idioten Job, dass wir alten mit dem Bildungsniveau von damals, heute in die Kleinklasse geschickt würden oder vom Schulpsychologischen Dienst längst in einer Massnahme gelandet wären… Ich zum Beispiel war ein sackschlechter Primarschüler, der mit 5 anderen Grubenpiloten von unserem Klassenlehrer, Schaller Urs nach 2 Monaten schon vom Französisch Unterricht suspendiert wurde, mit der  Begründung, dass wir eh nie Französisch lernen werden… das mag sein… aber sicher auch, weil der Schaller Urs selber nicht wirklich gut war im Französisch…

Meine Lehrstelle als Maurer hatte ich 1972 in 30 Minuten gefunden, indem der Vater an einem Mittwoch Nachmittag im Oktober fand, dass wir doch schnell bei Frutiger vorbeigehen könnten und schauen wegen einer Maurerlehre… Da  damals der ganze Dürrenast neu gebaut wurde, standen überall diese Baukräne mit den Werbeplachen <Baue Deine Zukunft, lerne Maurer, werde Zimmermann> und weil ich schon meine ersten <Stöckli> Skis aus Wohlhusen, in den Herbstferien auf dem Bau, erarbeitet hatte, der Grossvater Maurer war und neben unserem Block, eine grosse Baustelle war, wo die Maurer damals jeden Tag Orangina und Citro tranken, Parisette, Tessinerbrot und Cervelats mit Mayonaise zum Znüni assen, alles Sachen, die für uns Top Luxus waren… war die Berufswahl nahe liegend… Ein Zeugnis musste ich nicht zeigen… Das muss man sich vorstellen, die fanden, der Bursch ist stark und wenn er noch willig ist, kommt das gut… Ja, so war das damals…

Heute muss ein Jugendlicher 50 Bewerbungen für eine Schnupperlehre veschicken, erhält er einen Job, dann sicher als <Junior Cleaning Solution Assist> das heisst als unterstes Arschloch eines Putzinstitutes, der dem 2. Handlanger den Kessel auf das Gerüst reichen darf, mit Betonung auf darf… Er muss froh sein, dass er einen solchen Scheissjob, den wir früher locker dem Portugiesen oder Kosovoalbaner überlassen haben, erhalten hat… Kein Wunder, dass die Jugend in virtuelle Scheinwelten flieht, wo sie uns alten Säcken um Längen voraus sind… Denn, eine normale Familie hat ja heute auch nur noch Kinder, damit sie die allgegenwärtigen, modernen, Unterhaltungs- und Kommunikationsmittel überhaupt zum laufen bringen… Sind wir ehrlich, das Zeugs ist so hochkomplex geworden, dass man für die Installation eines <HD Ready> Fernsehers mit dem <Cablecom Starter Kid>  zwei Wochen unbezahlten Urlaub nehmen muss, wenn man keine Kinder hat…

Liebe Anwesende, wir haben unser Land in den letzten 30 Jahren massiv zugebaut, die Wertsteigerung von Liegenschaften z.B. führt dazu, dass der hinterste und letzte Schlag, die abgefackelste 1 Zimmer Wohnung viel Geld kostet. Freiräume sind so nicht mehr oder immer weniger möglich… Und das ist ein Problem… Jugendliche können heute eigentlich nur noch konsumieren, fertig… Konsumieren ist  aber nicht kreativ, zudem sehr selektiv und schafft Klassen, nämlich die mit Kohle und die ohne… Oder die mit Eltern oder die mit der zerrüttelten Familie z.B. und, Konsumieren ist beschiss, weil das Glücksgefühl über den Erwerb eines neuen Teils mit gesteigertem Konsum immer kleiner wird, es muss also immer häufiger konsumiert werden, ähnlich wie beim Kokain gebrauch.

Ja, meine Damen und Herren, ich texte Sie da ohne Ende zu, weil ich das kann, weil ich das Mikrofon vor mir habe… Aber so vieles gäbe es zum Zustand unserer Gesellschaft noch zu sagen, der Kern meiner Worte aber soll sein…  Liebe Schweizerinnen und Schweizer, liebe Gwatterinnen und Gwatter, das Leben ist zu schön, um es mit Nebensächlichkeiten zu füllen, der Planet Erde ist zu perfekt, als dass wir ihn so missbrauchen, wie wir das leider immer noch machen, obwohl wir seit Jahren wüssten… Dir wüsst scho… Tschernoby, Seveso, Bobhal… Geht bewusster durchs Leben, schaltet einmal einen Gang runter und das Handy einen Tag aus, spendet auch mal 100 Franken an Bedürftige, involviert Euch wieder im Hier und Jetzt, vertretet Eure Meinung…!!!!!

Betet freie Schweizer, betet… Meint im heutigen Sinne genau das, engagiert Euch wieder vermehrt in kleinen überschaubaren Projekten, wie einen Gwattleist, einen Verein oder macht Caritative Arbeiten… Die nächste Rezession steht vor der Türe und die kann eine verheerende werden… Und wir überleben sie sicher besser in der solidarischen Gesellschaft als in der Egoistischen…

Nun, wünsche ich Euch noch eine schöne Feier hier im Gwatt Ihr werdet sicher nach so viel zutextung noch einen heben… Denn: Äs isch immer glatt im Gwatt…!!!! Und, ganz wichtig, quasi mein Lebenskredo mit dem ich tagtäglich konfrontiert werde: Kultur ist ein dünner Lack, der sich durch Alkohol leicht auflöst…!!!!

In dem Sinne: Bleibt sauber und Merci fürs Zuhören.

MC ANLIKER, Ende Juli 2008. Diese Rede wurde für die 1. Augustfeier 2008 des Gwattleistes geschrieben und auf der Lindermatte auch gehalten.

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