Samstag 15. Oktober 2011

CHRISTY DORAN`S NEW BAG

URBAN POWER JAZZ

CHRISTY DORAN ist ein cooler Hund. Wie er mit seinen über 60 Jahren in Turnschuhen im Studio steht und nicht den leisesten Anflug von Nostalgie verströmt, das ist grosse Klasse. Darauf angesprochen, winkt er bescheiden ab. Netter Kerl halt. Der Kontrast zur Musik ist gross. Die ist nicht leise und cool das falsche Attribut; es muss also knistern zwischen Doran und seinen Mitstreitern, NEW BAG. Muss man erwähnen, dass ihr Sound mit Elementen von Rock, Ethno, Jazz und ungeraden Takten spielt? Man darf, aber damit ist nichts gesagt. Interessanter ist, dass die Band seit 1997 rund um den Globus tingelt – und sich auch so anhört. Am Anfang waren die Kompositionen von DORAN, dann kam die Welt und entstanden ist Musik, die begeistert. Nicht alle. Jeder aber ist nach ihren Konzerten mindestens überrascht. Selbst wer nicht begriffen hat, mit welch musikalischer Raffinesse der Konzertsaal (laut) beschallt wurde wird feststellen, dass diese Grooves tatsächlich auch ins Tanzbein fahren – und versteht darum instinktiv, um was es geht. Das ist typisch für NEW BAG, dieser Antithese zu langweiliger Musik, zu den ausgelatschten Pfaden des Jazz.

Wer so konsequent seinen Weg geht, muss sich verändern. Das ursprüngliche Quartett wurde ergänzt mit dem Keyboarder Hans-Peter Pfammatter; der Bassist Wolfgang Zwiauer, der kürzlich die Band verliess, ersetzt durch Vincent Membréz, der anstatt einer Bassgitarre einen Moog-Bass mit ins Ensemble bringt. Alles stand schliesslich auf der Kippe, als nach dem frühen Tod ihres langjährigen Schlagzeugers Fabian Kuratli nicht klar war, wohin die Reise jetzt noch gehen kann. Glücklicherweise wurde mit Dominik Burkhalter ein Musiker gefunden, dem auch die Rolle als Produzent behagt und der damit die Band insgesamt beeinflusst. So ist denn 2011 zusammen mit den Gründungsmitgliedern Bruno Amstad am Mikrophon und Christy Doran an der Gitarre die allerneuste Ausgabe von NEW BAG entstanden, diesem musikalischen Kugelblitz, der sich manchmal anhört, als hätte der avantgardistische Elektroniker Aphex Twin versehentlich mit Tony Williams‘ Emergency! fusioniert. Um dann wieder zu rocken, als gäbe es kein Gestern, nur die Zukunft.
R.A. Rebetez

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