März 2008

WER AUGEN HAT DIE SEHEN, LEBT NICHT IMMER EINFACH…..
EIN PAAR GEDANKEN ZUM SONNTAG UND ZUM FRÜHLING

Mit den, zwischenzeitlich rasant, steigenden Temperaturen des schnell vorwärts rasenden Jahres, offenbart sich so manches, was im Winter, zum Glück, verhüllt und somit privat ist. Irgendwie graut mir mittlerweile vor dem Frühling und dies nicht nur wegen dem Frust darüber, dass ich meine schönen Usbekischen Fellmützen kaum tragen konnte diesen Winter, weil dieser wieder einmal sehr kurz war. In unserer, <jeder ist speziell und originell und sowieso ein Star …> Gesellschaft wird ab 10 Grad Aussentemperatur und 2 Stunden Sonnenschein alles hervorgezeigt, was irgendwie vorzeigbar ist und wer seine Augen wirklich zum sehen braucht, muss sich mit fortschreitendem Frühling immer öfter einfach abwenden, um zu verhindern, dass einem die Kotze hochkommt….. und das ist ja dann erst der Anfang… es wird ja dann im Mai irgendwann Hochsommer sein und im Juni wird dann diese Zombie Gesellschaft zur, staatlich geförderten, EM Hochform auflaufen und spätestens dann werde ich mit Augenbinden und Blindenstock auf die Strasse müssen.

Das wird  hart werden, aber für ästhetisch empfindende Menschen ist das Leben manchmal verdammt hart. Letzten Sonntag, es war der 24. Februar 2008, sass ich im Halbschatten auf der Terrasse eines beliebten Thuner Cafes. Diese Terrasse ist momentan wegen den Goldgrabungen am Thuner Bahnhofplatz auch ein Fussweg auf das Kleist Inseli. Und somit latschte Kreti und Pleti, Severin und Nadia, Suleiman und Fatima und wie sie alle heissen, durch diese Terasse. Irgendwann musste ich mich von meiner Lektüre trennen und mein Auge wurde in Minutentakt mit ästhetischen Katastrophen konfrontiert… unglaublich wie unsere Gesellschaft den Sonntag zelebriert.

Die Körperhaltung der Spaziergänger/innen ist so was von deformiert, kaum ein Mensch kann mehr mit geradem Rücken laufen, die Füsse werden über den Boden geschleift, was sicher der Turnschuh Industrie sehr recht ist. Alle unter 25jährigen tragen mindestens eine Büchse/Flasche mit einem Getränk aus der Coop Drogenabgabestelle am Bahnhof in der Hand, die Girls, entschuldigt den Ausdruck aber Frauen sind das nun mal nicht, eher Energie Drinks mit Taurin und Zucker und die Boys, auch sie werden keine Männer werden, eher etwas alkoholisches… Es ist knapp Mittag. Was ist das für ein Leben das alle so durstig macht? Müssen alle so viel und hart Arbeiten, dass einem kaum mehr die Zeit bleibt in Ruhe etwas zu Trinken, oder an einem Tisch sitzend zu Essen? Dass zum Trinken und Essen auch noch Musik gehört wird und dazu endlos in das Mobiltelefon geblabbert wird, verstehe ich mittlerweile, weil der Mensch ja so ein interessantes Leben führt, in dem so viel passiert das man anderen Menschen mitteilen kann, ja muss… Wo bisch itz grad..?? Aha..Aha.. I gesh die aber nid… Aha, du bisch hingerem Sunneschirm.. Ah ja, itz gseh di.. Auso bis nähr.. Tschüüüs.

Noch in der Nacht vorher wurden wohl 10 000 Bierbüchsen und Red Vodka Flaschen durch unsere Stadt getragen und vielen von diesen Spaziergänger/innen sieht man das durchaus auch an. Nichts desto trotz… Sehr viel nackte Haut wird an diesem Sonnensonntag von der Jugend spazieren geführt, das meiste Fleisch ist mittlerweile mit Metallringen und anderen Kreationen des modernen Lifestyle, was das auch immer heissen mag… durchstochen und ganze Körperflächen mit Höhlenmalereien auf Lebzeiten verunstaltet. Zunehmend zu den abgelöschten Gesichtern mit den hohlen, ausdruckslosen Augen sieht man immer mehr Zeichen von modernem Faschismus in Form von Nazi Malereien auf Menschenkörpern, Kleidern der angesagten Faschisten Label und immer verbreiteter sind die niedlichen Kampfhunde, die nach Luft lechzend ihren Halter an der Würgeleine hinter sich her ziehen.

Generell sehe ich in den letzten Monaten immer mehr Junge, die nach Rechtsextrem und Faschismus aussehen und das gibt mir extrem zu denken. Ausgeschwemmt aus dieser Gesellschaft ist man sicher schnell, aber wenn ich Tags über in der Thuner Innenstadt etwas zu erledigen habe, wähne ich mich eher in der Fussgängerzone einer Stadt im Osten Deutschlands, als in der Fussgängerzone einer Schweizerischen Kleinstadt, die an einem der Schönsten Ecken dieses Planeten liegt.

An diesem besagten Sonntagnachmittag kam dann noch ein Wanderer, eine Art Normalo… In diese Durchgangs Gartenbeiz, bestellte Cafe, zog sich seelenruhig die Wanderschuhe und die Socken aus…. Igitt.. und begann ganz entspannt seine Zehenzwischenräume zu begutachten und zu massieren… Dies war nun aber definitiv Too Much, zuviel.
Fluchtartig verliess ich diesen Ort des Grauens, ob ich meine Konsumationen bezahlt habe ist mir heute noch nicht ganz klar.. und zog mich in meinen Sonnen durchfluteten Garten zurück, wohl wissend, dass ich sehr privilegiert bin, wenn ich so eine Alternative habe.
Ich werde wohl nächstens mal bei Probst Optik vorbei müssen und mir eine Brille mit Schwarzen Gläsern kaufen oder im Rathaus nachfragen, wie das die Politiker und Stadtmarketing Profis machen, die ja alle, diese an sich beängstigenden, Entwicklungen unserer Gesellschaft nicht sehen (wollen).

MÄRZ 2008 / THUNER TAGBLATT