Mai 2000

Vor dem Wort ist ein Schatten, hinter dem Schatten ist ein Mensch im Schreibstau, ein seltenes Bild, das mehr aussagt als Mann denkt.

Liebe Leser/Innen, ich wusste es schon lange und ahnte es schon länger. Einmal wird, einmal muss der Moment kommen, wo das Hirn so leer ist, dass nichts mehr aus ihm rauszuholen ist. Das war genau heute so. Föhntag, Mittwoch, 26. April 2000. Viel Sonne, viel Stress und noch mehr Druck und plötzlich ist die Fähigkeit weg, klar zu denken und die Gedanken zu fassen und trotzdem sollte es sein. Nun, die innere Stimme sagte nein und das muss respektiert werden. Der nachfolgende Text wurde im Mai 1996 von mir geschrieben und im Programmheft für Juni ’96 veröffentlicht. Ein Stück Geschichte quasi. Das werdet Ihr beim Lesen merken. So war es einmal. Und wie ist es heute…

Herr Meyerson bietet dem Mokka 800 Millionen für eine Party, das Mokka lehnt ab, spendet dafür Meyerson eine Kiste Lila Pause, die vom Betreibungsamt beschlagnahmt wird… und andere erwähnenswerte Details aus dem Leben in einer aufstrebenden Kleinstadt.

Wenn der Edding 404 zuckt, die Gedanken sich in den müden Gehirnwindungen zu Sätzen und bissigen Geschichten zusammenrotten, der Papierberg vor mir locker einen Beitrag für die (letzte?) Papiersammlung der Primarschule Aarefeld wäre und die Uhrzeiger bedenklich schnell gegen die Deadline rucken, ist es wieder mal Zeit, besser gesagt die Zeit des Monats, Zeit, ein Vorwort zu schreiben. Yeah man! Gib es ihnen! Hau wech die Scheisse! Zeig denen mal wo Ueli das Koks holt! Yeah man, Rock’n’Roll! Was darf es heute sein? Etwas gegen Links oder gegen Rechts? Gegen Innen oder Aussen? Für oder gegen das Kiffen? Etwas über Triathlon, Fussball und Stimmabstinenz? Öppis gäge d’Bärge u gäge Änte oder öppe öppis für d’ I.G.T. u ihres neue Logo? Die neusten Enthüllungen aus dem Hause Mokka? Lieber etwas über abartige Sexualität oder lieber über zweiseitig bedruckte Bierdeckel?

Wie Ihr seht, sind die Möglichkeiten fast unbeschränkt. Das Einzige, was mich im Moment noch am Schreiben hindert, ist eine ungewohnte Wärme, wenn nicht schon Hitze und eine stechende Frühlingssonne, die mir auf dem Restaurationsdeck des Aarebades, trotzdem die Uhr schon 18.30 Uhr zeigt, unbarmherzig ins Gesicht scheint. Der Weichspüler aus dem leisen Küchenradio <turnt> mich auch nicht gerade zum Nachdenken an, aber vom Schreibstau bin ich weit entfernt.

Zu hektisch waren die letzten Tage und Wochen, irgendwie stressig aber so stressig, dass ich mit einem selbstironischen Lächeln über dem Ganzen stehen kann. Galgenhumor! Da ist mal der Betrieb, der läuft und läuft, schön nach dem Motto: The Show must go on! Da war diese ominöse Preisverleihung (davon noch später) und da war mein Seitensprung als Journalist (Bericht für die Berner Woche, 11’600 Zeichen über Z.W.) und als Riesenschwert über allem, seit Wochen, das am 8. Juni 1996 stattfindende Konzert mit Züri West (Z.W), das mich heute (30. Mai 1996) noch die restlichen gesunden Magenteile erkranken liess. Eine Stressphase zum Saisonende? Kommt mir irgendwie bekannt vor! Die Frage ist nur: Wann haben wir mit Café Bar Mokka schon mal keine Stressphase. Hey, easy Man… Don’t Stress, Hey! Relägs Män! Hey Man, bou doch mau ä Joint, so eine dürezieh, chli pflege, hey.

Doch schön der Reihe nach: MOKKA IS IN DA HOUSE, aber voll. Wer an einem Donnerstag, Freitag, Samstag, oder Sonntag in unseren Keller will, braucht einen guten Überlebenswillen, eine eiserne Lunge und darf keine Berührungsangst haben. Schon das Foyer zu durchqueren wird zu einem Kraftakt, wer es dann aber durch diese stehenden T.H.C.-Wolken geschafft hat, ist noch lange nicht am Ziel. Die Treppe runter und vor allem am Zigiautomaten vorbei ist auch nicht ohne, jedes Spalierstehen an einem Hochzeit scheint Nasenwasser dagegen. Ist Mann/Frau dort durch, kommt schon der nächste Engpass, die Türe zur Disco. Yeah, fast am Ziel… Ziel… Ziel… doch dann kommt der auf die Volle: Der Dampf-Dunst-T.H.C.-Sound-Nikotin- und Parfümhammer haut Dich glatt von den Felgen! Everybody is in Mokka’s House.

Wir fühlen uns geehrt und sagen hier klipp und klar, Euch allen: Vielen Dank Ihr Frauen und Männer, Girls + Boys, Kids, Grufties, Techno Fuzzies und Alt-Freaks, Ihr seid wirklich treue Gäste. Wir werden weiterhin das Möglichste machen, dass es Euch wohl ist in unserem Haus. Ehrenwort! Nun, gilt aber hier an dieser Stelle noch lauter und deutlicher, mein Dank, und ich hoffe auch Euer, unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die meistens unter unmenschlichen Bedingungen sehr lange und stressvolle Schichten in diesem wohlstandsgeschwängerten Vergnügungssumpf arbeiten müssen und die ihre Arbeit sackgut machen, dabei noch immer freundlich und hilfsbereit sind. Hut ab! Dies ist nämlich nicht selbstverständlich. Alle, die schon mal in einer Grossstadt, in einem Yuppie- oder Trendylokal waren, wissen genau wovon ich spreche.

Nun zurück zu Euch: Bevor Ihr das nächste Mal irgendwie unser Personal verarschen oder anficken wollt, überlegt Euch, wie es wäre, wenn Ihr diese Arbeit machen müsstet, ob Ihr auch so geduldig und ausdauernd wärt? Yeah! Da könnte ich gleich noch einen Seitenhieb zum Konsumverhalten in und um unser Haus lancieren. Manchmal kommt uns wirklich das nackte Kotzen, das sich voll an den Kopf Greiffen, ob all diesem unbewussten Handeln, ab diesem Reinziehen und <Abfucken>, ab diesem: <nach mir die Sintflut und neben mir nur mich>-Denken, das immer mehr auch in unserem Haus herrscht.  Ihr solltet einmal nach einer normalen Freitag-Party unser Haus wischen müssen, inkl. Garten, Keller, Parterre und 1. Stock. Vielleicht würdet Ihr das nächste Mal weniger Müll auf den Boden kippen und ein wenig sorgfältiger mit unserem Haus umgehen. Oh, Wunsch, Du alter Hund… Mich als Grafiker und Verbrecher der aufliegenden Programmhefte macht ein Aspekt fertig und erzeugt in mir eine immer stärkere Wut gegen den/die Erzeuger/Innen desselben… Hey, Ihr scheiss-endlos Kiffer/Innen, ein Mokka-Programmheft gibt viel Arbeit, kostet pro Exemplar ca. Fr. 1.50 (nur Druck, ohne sonstige Arbeiten) und könnte durchaus mehrmals gebraucht werden. Nun kommt Ihr mit Euren meist amputierten, vom Kiff geschädigten Hirnen und seht nur eins: Papier = Filter = Joint = Flash = Hey Man! Und schon ist wieder ein durchaus vollwertiges Werbeteil zu Abfall degradiert. Shit! Ein Detail: CAFE BAR MOKKA legt seit Jahren, pro Woche mehrere 100 aus alten Programmheften geschnittene Filter auf. Genau für diese Fälle. Ich für mich, habe sowieso langsam aber sicher die Nase gestrichen voll von diesem Kampfkiffen in dieser Stadt. 25 Jahre Haschisch und Marihuana haben uns sicher nicht weiter gebracht. That’s it. Harte Worte aus dem Munde eines Menschen, der selbst mehr als 20 Jahre gekifft hat und auch heute ab und zu des Drogenmissbrauchs nicht abgeneigt ist!

Kampfkiffen als Olympische Disziplin scheint mir genau so <tilt> wie Triathlon. Eine Sportart, die zwischendurch im Fernsehen gezeigt wird und mittlerweile zu einer Material- und Sponsorenschlacht erster Güte verkommen ist. Vor drei Wochen lag ich mal – voll bekifft – an einem Montag-Nachmittag vor dem TV und habe auf irgendeinem der deutschen Sender zuerst einen Frühlingsumzug gesehen. Bei der fünften Blasmusikgruppe fand ich das Ganze aber irgendwie <too much> und auch die Nummerngirls waren sowas von minderjährig und schlecht choreographiert, dass es nur noch einen Weg gab… zip, zip, zip, und schon war ich mitten in einem Volkstriathlon in Südbayern, die reinste Hölle! Ich als notorischer Sportverachter konnte nur noch sagen: Das gloubi ja nid! Da trampelten ca. 60 Teilnehmer mit völlig verkrampften Gesichtszügen und Bewegungen der Parcours-Mitte, einer 3 Meter hohen, aufblasbaren Pepsi-Dose, entgegen. Schuhe ohne Bändel und Socken, Männer mit nacktem, gefittetem Body, nur mit einem Tanga-Slip bekleidet, ohne Kopfbedeckung. Frauen in Tanga-Bikinis bei brütender Frühlingssonne, stundenlang, völlig jenseits, Zombies! Als sie dann auf ihre futuristischen Rennräder stiegen, fing die Perversion erst recht an. Auf dem Bildschirm (80 cm, 100 mhz, Triton) sah man plötzlich nur noch nackte Ärsche. Blanker Horror. Völlig schockiert musste ich den TV abstellen. Ende Show!

Nie mehr Fernsehen an einem Montagnachmittag. Nicht nur im Sport gibt es Preise zu gewinnen. Auch in der Kultur gibt es ab und zu eine Prämie abzuholen. So kam mir die Ehre zu, den Thuner Kulturstreuner 94 – 96 in Empfang zu nehmen. Hat jemand etwas dagegen? Ich möchte mich hier in aller Form bei allen Nicht-Eingeladenen entschuldigen. Vielleicht können wir ja dieses Jahr in irgend einer Form noch eine Party zusammen feiern. Der Preis umfasst Fr. 5‘000.–, Auflage: Das Geld muss wider in die Kultur investiert werden. Ich schenkte 3’000.– an den allseits bekannten Dancefloor-Strategen Oliver Hofer, alias DJ Spectron, für seine nimmermüden Bestrebungen den Mokka-Dancefloor qualitativ aufzuwerten. Die restlichen 2’000.– werden noch dieses Jahr durch mich sinnvoll eingesetzt.

MOKKA IS IN DA HOUSE, BUT ON THE TOP! Die Geschichte, wie es noch noch zu einem Ort kam, wo wir das Open-Air Konzert mit Züri West durchführen können, würde den Rahmen dieses Textes sprengen. Darum nur kurz: Züri West wird, zusammen mit der Zürcher Hip Hop-Band Sendak am Samstag, 8. Juni 1996 in Thun spielen. Ort: zu 90% Kasernenstrasse bei Thun Expo/OHA, ab Café/Bar Mokka beschriftet. Zeit: ab 19.00 Uhr. Eine gute Nachricht ? Aber sicher doch!

Sich über den neuen, mit Sagex-Brezeln behangenen, Trottelwurm auszulassen, ist Papier-verschwendung. Nachdem Herr Ducret von dem Illusionisten Meyerson gesellschaftlich kaltgestellt wurde, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die ganze Innovationszentrum Thun Sache als Seifenblase zerplatzt und dabei auch die Trampelwürmer sich in finanzielle Luft auflösen. Da nützt auch das neue 70er-Jahre Logo der I.G.T. nichts mehr. Was Schein ist, wird und kann nicht und nichts sein! So, langsam wird der Edding 404 müde und seine Reserven sind erschöpft.

Wir wünschen Euch alles Gute, und grosse Geschenke zu Saisonende, Tschanz schöne Ferien auf den Malediven, Tiger viel Glück zur Verlobung und Frau Haller eine neue Sonntagstracht zur Eingenössischen Jodlerfesteröffnung.

Wir sehen uns beim Züri West Konzert! Weisch wini meine?

Herzlichst

Beat Anliker

Master of Watch TV Without Sound

Master of Empty Edding 404

Master of Fuck the Summer People

DIESER TEXT WURDE IM MAI 1996 GESCHRIEBEN.