Dezember 2008

SINNVOLLES UND ERFÜLLTES LEBEN AM RANDE DER GROSSEN ALPEN

Erstaunt realisiert man in diesen hektischen Tagen, das schon wieder ein Jahr vorbei ist…
War es ein gutes Jahr? Habe ich Sinnvolles machen können? Hat mich dieses Jahr weiter gebracht in meinem Streben nach Harmonie und Erfüllung? Wir können diese Fragen immer schlechter beantworten, weil wir alle so was von zugedröhnt werden mit allem was wir machen könnten, wollen und vor allem müssen.

Der Rhythmus unseres modernen Lebens ist unglaublich hoch und was wir so alles unter einen Hut zu bringen haben, ist manchmal schon fast unheimlich. Wer im alltäglichen Berufs- und Gesellschaftsleben wirklich dabei sein will, muss belastbar, immer aufnahmefähig und wachsam sein, zudem flexibel, gesund und immer noch einen Zusatz-Pfeil im Köcher haben… Das gilt heute insbesondere auch in der Kulturbranche, einem Geschäft, das jahrelang als Beschäfti-gungstherapie für Linke, Liebmenschen und Träumer abgetan wurde und dementsprechend nicht ernst genommen und auch so behandelt wurde. Der Erfolgsdruck schwebt heute über jeder Produktion, weil jede noch so kleine Unterhaltungsgeschichte Geld kostet und immer ein Risiko besteht, mit dem Projekt zu scheitern und zudem die Zahlen immer wichtiger werden… leider.

Diesen Sommer ist mir erstmals aufgefallen, dass alle Kulturveranstalter gleich am letzten Tag ihres Projektes Auslastungszahlen wie Trophäen den Medien präsentiert haben. Was soll das? Wenn wir früher als Querdenker Strukturen geschaffen haben die wirklich etwas veränderten, haben wir nicht die Besucherzahlen an erste Stelle gesetzt, es ging uns mehr darum, das verkalkte, rückständige Gesellschafts-Kulturverständnis aufzubrechen und zu Provozieren, was damals sehr nötig war. Mitte der 80ziger Jahre machten wir mit Bar Mokka Waisenhaus das erste moderne Event, das einen öffentlichen Platz bespielte in dieser damals doch sehr beschaulichen Stadt mit gesamthaft 6 Gartenbeizen…. 3 Wochen haben wir jeweils den Waisenhausplatz mit Gastronomie, Musik und politischen Anlässen  bespielt und waren
damit für viele Reaktionäre und Bürgerliche ein rotes Tuch und sowieso: Vagante u fuli Sieche, wo gschider öppis würde ga wärche..  Damals hatte ich 16-20 Stunden Arbeitstage und damit den Grundstein für meine gescheiterte Ehe gelegt, was ich natürlich nicht ahnen konnte……

Für die Wirtschaft waren wir so was von uninteressant, Kultursponsoring war noch ein Fremdwort und ich erinnere mich, dass Coop Berner Oberland uns mit einem Betrag von 78.- Fr. unterstützen wollte, für ein Kulturprogramm das damals schon 60`000 Fr. kostete. Das war 1990. Die Aktion wurde von über 100 freiwilligen Mitarbeiter/innen getragen, die als Lohn eine Einladung für das Mitarbeiterfest und freie Getränke erhielten. Die Anlässe waren gratis und werbefrei, dabei nicht schlechter aber sicher interessanter als sie zum Teil heute sind, wo Eintrittspreise schnell einmal bei 100.- Fr. liegen und die Besucher/innen erst noch durch die Hole Gasse der Werbeflächen zu ihren Plätzen gehen müssen. Finanziert wurde das ganze mit dem Verkauf von Getränken, was dann aber schnell einmal die Missgunst der traditionellen Gastro-Gnomen auf sich zog, die bald einmal merkten, was für immense Mengen da angeliefert und verkauft wurden.

Der damalige Präsident der IGT war des Öfterns nachts auf dem Platz am Leergut zählen… Die Veranstaltungs-Bewilligung, die wir beantragten, ging zuerst an die IGT, die damals eine Art Schatten-Regierung innehatte, und dann erst ein paar Tage später an uns… Einmal musste ich an eine Krisensitzung mit 2 Gemeinderäten und 3-4 Chefbeamten der Stadt Thun und ich dachte, da muss etwas schlimmes passiert sein.. Ja, der Supergau bestand im Umstand, dass im Rechen der Aarebadi eine Bierflasche angeschwemmt wurde, die mit einer Etikette unseres Festivals beklebt war und somit von uns stammte… So eine Schweinerei.. eine Bierflasche in der Aare..!!!! Ja, so war es noch vor 18 Jahren in der heutigen Party- und Kulturstadt Thun. Unglaublich aber wahr.

Es liegt wohl am ausklingenden Jahr, dass mir diese Nostalgiegeschichten in den Sinn kommen oder am Umstand, dass wir heute Donnerstag 4. Dezember 2008 eine Lesung mit einem Poetry Slamer auf dem Programm hatten und ich jeweils bei so kleinen, intimen Anlässen an unsere Anfänge erinnert werde. Die Hektik der heutigen Zeit lässt auch mir manchmal kaum mehr Zeit für Reflektionen, Rückblicke und Verarbeitung dieser immensen Fluten an Erlebtem und das ist eigentlich schade. The Show must go on… gilt heute nicht nur in der Unterhaltungsbranche. Wenn ich jeweils aus einem Treppenhausfenster unseres Clubs schaue und den Rhythmus der Bauarbeiten am neuen kantonalen Verwaltungsgebäude beobachte, muss ich sagen: es ist purer Wahnsinn, in welchem Tempo dort ein solch grosser Bau hochgezogen wird. Fertig lustig und sicher null Platz für Nostalgie oder Zufriedenheit über das geleistete.

Zumindest haben aber die Bauarbeiter noch Weihnachtsferien, während wir vom 26. Dezember bis zum 4. Januar volles Programm fahren, in der Hoffnung, auch gute Auslastung im hohen Rhythmus zu haben. Wir haben aber das Glück, mit unserer Arbeit Menschen glücklicher machen zu können, das ist etwas schönes und sinnvolles und gibt mir auch die Kraft nach 23 Jahren noch immer einen Sonder-Pfeil aus dem Köcher zu nehmen….

Liebe Leser/innen, euch wünsche ich eine besinnliche Weihnachtszeit, gute Entspannung und weiterhin ein sinnvolles und erfülltes Leben in der kleinen Stadt am Rande der grossen Alpen.

MC ANLIKER  4. DEZEMBER  2008 FÜR DAS TT