Oktober 2000

POSITIV IST SEHR RELATIV, DAS LEBEN KANN SCHÖN SEIN UND DOCH IST DIES NICHT SELBSTVERSTÄNDLICH. MUSIK IST SCHEISSE… UND THUN BAUT. EIN PAAR WORTE ZUM MONAT OKTOBER IM JAHRE 2000.

Es ist unglaublich,  wie viele Tricks ich aus der Tasche ziehen  kann, wenn  es darum  geht, den  Moment des <Weissen Blatt-Entjungpferns> hinauszuziehen. Heute bin ich seit fünf Stunden parat zum Schreiben, doch es finden sich immer wieder irgendwelche wichtigen Dinge, die mich davon abhalten, es zu t(h)un. Nicht, dass ich es nicht gern machen würde, oder mittlerweile das Schreiben verlernt hätte, nein, aber andere Sachen mache ich halt auch sehr gerne. Sie sind zum Teil auch süsser und feuchter als das schreiben von Texten über eine Kleinstadt am Rande der grossen und hohen Alpen, die den Bewohnern dieser Stadt immer die Sicht auf das Mittelmeer versperren, obwohl die Stadt von der Höhe her ziemlich gut auf das Meer hinunter sehen könnte. Diese Alpen wirken ja auch sehr prägend auf die Menschen, die an ihren Rändern leben. Äs tüecht eim mängisch, hie heige d Lüt zimli äs Brätt vorem Chopf oder äbe ä Felsbrocke. Darum rufe ich manchmal von meinem Balkon aus ganz laut folgenden agitprop Spruch aus den 80ern: NIEDER MIT DEN ALPEN, FREIE SICHT AUF’S MITTELMEER!

Thun, als die Stadt der Alten, wirkt ja mittlerweile wie ein Ort am Mittelmeer. Zumindest war das Strassenbild des Sommers 2000 geprägt von Trauben aus Menschen, die wie krank Gerstensaft und flüssige Trauben in sich kippten, dazu Olivenbrotsandwiches und Aperoplättchen verzehrten, als lebten wir schon seit Generationen in einer mediterranen Gesellschaft. Wenn man unserem Gastropapst Robert Romann (roberto.romann@thun.ch) vor 10 Jahren gesagt hätte, wie das dereinst in der Thuner Innenstadt aussehen könnte… Gastromässig, hätte er den Visionär verhaften lassen. Ja, liebe Leute, so vergeht die Zeit!

Zur Erinnerung: CAFÉ/BAR MOKKA machte von 1985 bis 1994 mit Bar Mokka Waisenhaus eine kulturelle Aktion, die jeweils drei Wochen den Waisenhausplatz und somit die Innenstadt belebte. Der Waisenhausplatz war damals ein grosser Parkplatz mit permanentem Suchverkehr und wir bezahlten pro belegten Parkplatz, pro Tag die entsprechenden Parkgebühren mit 10% Rabatt, weil wir Dauerparkierer waren. Die Aktion war ein voller Erfolg beim Publikum und zugleich der Alptraum der I.G.T., der Thuner Behörden und der Thuner Wirte. Wir machten 1993 einen Umsatz von Fr. 156’000.– in 18 Tagen, was für uns natürlich sensationell war, aber heute für einen Ibiza mässigen Betrieb schon fast normal ist und sein muss! (Wir hatten für die Aktion Investitionen von Fr. 20’000.–, Kulturprogramme für 50‘000.– und so weiter… heute gibt es nur noch Handygeflitter und einander auf den Füssen rumstehen als Attraktion und Inhalt.)

Ja, so vergeht die Zeit. Das Wissen, dass wir Trendsetter waren, ist doch auch geil oder? Wir hatten diesen Sommer von Amteswegen ein paar Highlights zu verzeichnen. Da ja der Gastromarkt ein ganz klarer Verdrängungsmarkt ist, hatten wir natürlich umsatzmässig diesen Sommer nicht wirklich die Nase vorn, unsere fetten Sommerjahre sind seit der Errichtung des Gastrobermudadreieckes an der Aare ziemlich vorbei. Was uns, zwischen 20.00 und 24.00 Uhr, geblieben ist, sind die heimatlosen Kids, die von Fr. 10.– Taschengeld deren Fr. 8.– in den Hanfläden liegen lassen, 1.50 bei MC Donalds, –.50 Rappen am Kiosk und die dann bei uns den Gratisservice im Bereich Beschallung durch DJ’s, Erdnüssli, Aschenbecherleeren, und Bestuhlung in Anspruch nehmen. Für uns sehr frustrierend. Da wir ja mit unseren politisch korrekten, selbstgestalteten Nachbarn auch noch Trittbrettfahrer zu ernähren haben, denen wir mit der Bewerbung des Treffplatzes Allmendstrasse 14 geschätzte Fr. 1’500.– Umsatz pro normalen Sommerabend abgeben und dafür null und keine Gegenleistung erhalten (Mokka zahlt Technik, DJ’s, Bussen, Werbung alleine) ist Mokka Summerdance bei MC Anliker ziemlich ambivalent. Ich hätte manchmal Lust, unseren Club den ganzen Sommer geschlossen zu halten. Obwohl dieser Gedanke dumm und blöd ist und auf schlechter Energie basiert, bringe ich ihn nicht ganz aus meinem Kopf. Obwohl ich mir heute vorgenommen habe, einen positiven Text zu schreiben und nur Gutes zu Papier zu bringen, musste ich doch schnell die wahren Gedanken loswerden! Hey Mann, easy… keh Stress.

Eine, mir wichtige, Person hat mich gebeten, doch einmal ganz viele positive Sachen in meinem Text zu schreiben. Auf meine Frage, was denn alles positiv sei, kam die Antwort: Alles sei doch so schön auf dieser Welt… so rein, so fein, bring es rein in deinen Reim.

Die Bitte an und für sich könnte von den Thuner Stadtgewaltigen sein, doch diese bitten nicht, sondern fordern ganz klar, das gleiche, aber eben aus ganz anderen Gründen. Eine wichtige Forderung ist und bleibt: MC Anliker darf in seinen Texten keine Politiker mehr namentlich erwähnen oder etwa etwas über den Stadtpräsidenten schreiben, nicht mehr über den Zirkus Harlekin und den Trottelwurm lästern und so weiter. Am liebsten hätten sie einen Vertrag mit mir, wo ich das verbindlich unterschreibe… yeah. Gut gesinnt war uns das Regierungsstatthalteramt, das uns für Sommer 2000 eine spezielle, erweiterte Betriebsbewilligung für den Betrieb unseres Gartens erteilte. Merci viel mal!

Schlechter haben wir beim Kanton Bern ausgesehen, der uns mit der Quellensteuer (Steuer für ausländische Künstler/innen) deren Fälligkeit der aktuellen und der Nachforderung für Steuern ab 1996 auf Trab hielt.

Hier bluten wir nun ca. Fr. 45’000.–, die Ihr mit Alkoholkonsum finanzieren müsst. Auch in Zukunft werden wir nun 18% der gesamten Kosten eines Konzertes mit ausländischen Künstler/innen an die Steuern abdrücken müssen, was uns zwingt, die Eintrittspreise im Schnitt Fr. 1.– zu erhöhen. Das ist ja nun nicht wirklich positiv, was ich da schreibe, ich weiss. Das einzig Positive daran ist, dass es die Steuerverwaltung des Kanton Bern schafft, für diese Abrechnungen eine Software für Mac und PC zur Verfügung zu stellen!

Weiter in Positiv: Seit einem Monat treffe ich mich mit HIV-Positiven, die in Thun einen Posi-Treff betreuen, es sind sehr nette Leute (positiv). Zusammen planen wir den World Aids Day am Freitag, 1. Dezember, den Ihr dann hoffentlich besuchen kommt!

Wie Ihr aus dem Programm, das Ihr in Euren Händen hält, lesen könnt, haben wir für Euch, liebe Leserinnen und Leser ein ganz grossartiges Musikprogramm für den Oktober 2000 zusammengestellt. Drei Mal Irland mit den Barleyshakes! Mit Anne Wylie und Party total mit dem Ex Pogues Gitarristen Jamie Clarke und seiner Band Perfect! Zwei Mal Ska-Live mit Western Special aus Frankreich und Dr. Calypso aus Spanien. Daneben prominente Tourstarts von Subzonic und Stiller Has (je zwei Tage). Merfen Orange starten zuhause ihre Club-Tour, daneben Indie Rock, Indische Musik und prominente Musiker wie Joseph Bowie und Kelvin Bell aus New York, das sind echte, positive Sachen, die ich hier schreiben kann… und…

Thun Baut! Das Thuner Joint-Baugewerbe boomt! Das freut die Baustoffhandlungen Hanfzenter und Earth Spirit und kurbelt die Kiosk-Umsätze an! Positiv!

Nur positiv schreiben ist etwas, was sehr schwierig ist, weil unsere Welt alles andere aus positiv ist! Bevor ich mit schreiben anfing, erhielt ich ein Anruf, wo mir mitgeteilt wurde, dass unsere ehemalige Mitarbeiterin Maria M <freiwillig> aus dem Leben geschieden ist! Wir kondolieren ihren Kindern Nathalie und Isabelle und hoffen, dass Maria ihren Frieden finden wird. Ich selbst (MC Anliker) leide seit Wochen an einem Tinnitus, der mich den Rest meines Lebens beschäftigen wird und der mich im Moment zwingt, einiges im Leben neu anzugehen (Tinnitus ist ein Pfeiffen, Summen usw. im Ohr, das vor allem in Stresssituationen und bei Lärmbelastungen hörbar ist und sehr mühsam sein kann).

15 Jahre Rock’n’Roll… die Quittung folgt… oder live now – pay later!

Wie das genau für meine Arbeit sein wird, kann ich wohl erst nach dem Oktober Programm sagen, wo sich die Erfahrungen mit lauter Musik und Tinnitus nicht vermeiden lassen.

Also, liebe Leser/innen des Mokka-Programmheftes: Ich hoffe, es war positiv genug und doch noch ein wenig ungeschliffen und vielleicht kann ich ja im November mal wieder richtig auf den Putz hauen, ein richtiges Killervorwort schreiben, dann wissen wir dann auch mehr über das Gerichtsverfahren gegen den Gastrokriminellen MC Anliker! Führt ihn in Ketten ab!

Nun liegt der Ball bei Euch, ich habe angepfiffen, das müsst ihr wissen! Besucht die Shows im CAFÉ/BAR MOKKA solange es noch Shows und Mokka gibt! Nachher ist es dann definitiv zu spät!

Mit herbstlichen Grüssen Euer

MC ANLIKER

MASTER OF WRITING ONLY POSITIV THINGS

MASTER OF FALLING IN LOVE ON A LIVINGROOM TABLE AT FOUR O CLOCK IN THE MORNING

MASTER OF NEW MUSIC CULTURE