Oktober 2015

NICHT ALLES ALTE IST SCHLECHT… UND HÜTET EUCH VOR DEM AUGENKREBS!!!

Ihnen, liebe Leserinnen und liebe Leser, geht es wohl manchmal genauso… Eigentlich wollte man dies, das und jenes an einem Tag erledigen, dann kommt aber alles anders als geplant und gewünscht. So viele, zu viele Einflüsse, Informationen aus so vielen, verschiedenen Quellen ergiessen sich täglich über uns, wie noch in keiner Epoche der Menschheitsgeschichte zuvor. Während ich diesen Text  von hinten nach vorne schreibe – was länger als zwei Stunden dauert – erscheinen, in Fünf-Minuten-Abständen, Mails aus der ganzen Musik-Welt auf meinem Server und lenken mich (zugegeben!), sehr ab! Meine Tätigkeit – also momentan das Schreiben – wird so nicht einfacher, denn mein Hirn ist noch das gleiche Organ, welches es vor der digitalen Eroberung unseres Alltags war! Da die digitalen Medien noch sehr neu sind, wissen wir auch noch nicht wirklich, wie damit umzugehen ist. Momentan lassen wir uns noch von der Datenflut überschwemmen, machen bei jedem Scheiss mit und haben extreme Angst, etwas zu verpassen…    

Aber was heisst schon verpassen? Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich den orangen Monstermond anfangs Woche leider nicht gesehen habe. Mein anfänglicher Frust wurde erst kleiner, als ich später herausfand, dass es an jenem Montagmorgen sowieso bewölkt war… und nun merke ich, dass ich immer noch lebe und immer noch derselbe Mensch bin, wie vor dieser <Verpassung>. Also ist es wohl nur halb so schlimm mit dem Verpassten. Und viele Sachen kann man getrost verpassen, weil es derart übel daher kommt und einem manchmal fast Augenkrebs erzeugt – wie zum Beispiel etwa das Betrachten einer aktuellen, ganzseitigen Werbung von Lidl.

Oben ein Drittel Elektroschrott-Werbung: zum Beispiel eine Nähmaschine für Fr. 88.-, ein Smartphone-Teleobjektiv-Set für Fr. 14.99, welches wohl helfen kann, wenn Mann/Frau auf dem Selfie zu klein wirkt, oder Aktiv-Lautsprecher mit zuschaltbarer Beleuchtung… für Fr. 14.99 (das Licht hilft dann, die Musik besser zu sehen, da man ja heute nicht mehr richtig Musik hört, oder?). Das Mitteldrittel des Inserates ist – vollends Augenkrebs erzeugend – mit Billigfleisch und Gemüse bestückt. Ein Pfund Hackfleisch gemischt für Fr. 2.99 und zum Beispiel noch Auberginen für Fr. 1.99 das Kilo! Abgerundet wird das Inserat dann wieder mit Elektro-Schrott: <On-Ear>-Kopfhörer in acht verschiedenen Farben für Fr. 9.99, damit man jeden Tag einen andersfarbigen Kopfhörer tragen kann und so fast zum Hipster wird! Herrscht dann zu viel Shopping-Stress, kauft man noch das Sanitas-Blutdruckmessgerät aus der Rubrik <Wohlfühl-Zeit> für Fr. 49.90.  Früher hätte man gesagt: Hei, das isch doch d Chatz g’Strohhäumlet… aber heute nehmen wir das alles einfach so hin, wir sind so was von schrottresistent und unser Hirn ist schon so deformiert, dass wir nicht einmal mehr realisieren, dass schlechte Grafik nur schlechte Produkte verkaufen kann.

Vor kurzem stand ich in einem Schnellzug im Eingangsbereich eines Wagens und erwartete

die Einfahrt des Zuges in den Bahnhof Bern. Ein sehr laute Männerstimme in französischer Sprache war zu hören, aber weit und breit kein dazugehöriger Mann… hei, was geit da? Dann geht abrupt die Toilettentüre auf und ein Hüne von einem Mann kommt heraus, die Handy-Freisprechverkabelung um den Hals und in das Kabel brüllend, als wäre der/die Gesprächspartner/in auf dem Mond! Noch vor zehn Jahren hätte man gesagt: So eine ghört uf Münsige lings! Und heute reagiert niemand mehr, es ist Alltag, Standard, akzeptiert und Norm. Sehr vieles hat sich so schnell verändert, dass man fast nicht mehr mitkommt mit dem Aufnehmen all dieser Neuheiten und man schnell als alter Sack gilt, wenn nur einen Hauch von Zweifel an der schönen neuen Welt angemeldet wird. Seit neustem gibt es für Handys aufsteckbare Stereo-Aufnahmegeräte in Profi-Qualität… Wenn mir das ein Musiker/Komponist präsentiert, macht das ja noch irgendwie Sinn, aber wofür braucht <Otto-Silvia ewig Quatsch> so etwas?

Leider ist nun der Rahmen dieser Kolumne schon fast ausgereizt und ich kann nur noch ein paar alte <Schlämmperlige>, die ich mir gestern aufgeschrieben habe, anfügen: Du bisch doch ä fertige Peyeresu… das isch doch ä Zirpegigu… uhh, das isch de ä Schafsecku… oder wie auch immer. All diese Begriffe sind uns schon lange abhanden gekommen, was ich sehr schade finde, denn damit verpassen wir echt etwas!