Dezember 2003

MC’s verklopfen, chli ga luege wome no öppis cha smäsche…  fehlender Respekt und zunehmende Dummheit machen die Clubs auch nicht innovativer… Geschichten auf einer Kleinstadt Ende 2003

Es schmerzt nur noch beim Essen… minim… Easy Man! Zwischendurch ein wenig Action mit den Kids hat doch so einem alten MC noch nie geschadet… Nein im Gegenteil, wenn solche Vorfälle passieren merkt man doch wieder, wie gesund unsere Jugend ist, „Fit wie ein Frit“, so konnte Mann / Frau es kürzlich in den Medien lesen (Mittwoch, 19. November 2003). Eine Studie über die CH Jugend brachte heraus, dass unsere Jugend kerngesund ist, körperlich und vor allem mental, intellektuell und psychisch!!! Die Jugendpsychologin aus Bern konnte dieses Resultat voller Freude präsentieren. Uns, die wir an der Kidifront arbeiten war aber nicht wirklich klar, wie ein solches Resultat erarbeitet wurde…?? Die Psychologin geht Abends sicher 2 – 3 Mal im Jahr in die Oper und 4 Mal ins Kino, daneben noch 10 Mal jährlich ein Nachtessen mit Freunden in einem, ihrem Einkommen und Status angemessenen, Lokal in der Berner Innenstadt. Bei diesen Ausgängen begegnen der guten Frau durchaus auch junge Leute, aber um 10 Uhr Abends sind diese gesunden Jugendlichen meistens noch harmlos und herzig anzusehen.

Ein Tag nachdem dieser Zeitungsartikel zu lesen war, hatten wir hier (3600 Fuck this Town) einen normalen Clubabend. Eine Lesung mit drei Journalisten, die von realistischen 12 Leuten besucht war und in der Disco/Bar spielte DJ Jah Sun aus Hollywood, alten Reggae… Wie gesagt, ein ganz normaler Donnerstag-Abend in der Oberländer Provinz… Weit nach 23.00 Uhr kamen 4 Spezies, die sehr aggressiv und dermassen gepuscht von irgendwelchen schnellen Substanzen (Kokain mit Wodka als mögliche Mischung) unterwegs waren. Als erfahrener Clubbetreiber habe ich irgendwie das Ohr immer ein wenig ausserhalb der Hausfenster und konnte schon in der Künstlergarderobe (1. Stock) hören, dass da ein Scheisspiel anfängt. Als mir wenig später ein Mitarbeiter eine grosse kaputte, Spiegelkugel mit dem dazugehörenden Motor präsentierte, die auf 3,5 m Höhe beim Seiteneingang heruntergerupft wurde, und auch versicherte, dass es eben diese Spezies waren, zog ich meine Jacke an und begab mich auf die Allmendstrasse, um die Jungs auszuchecken… Wie in einem Gangsterfilm warteten sie, an ein Auto gelehnt, cool, „wie di Grosse“, auf ihren zweiten Auftritt. Ich bot ihnen an, am nächsten Tag Fr. 250.- vorbeizubringen… Soviel kostet uns so eine Spiegelkugel mit Motor… und damit sei die Sache erledigt. Der Gangchef setzte sich in Pose und sagte: Was du chasch ha du Sou, isch… I schlitze di uf… Und fuchtelte mit der rechten, eingegibsten, Hand vor mir herum… zuwenig auf Zack, wie wir alle sind, beobachtete ich 2 Sekunden zu lange diese Hand… Zeit genug für das Fuzzi, mit der linken einen ersten Hammer zu verpassen… Um dann vollends auszurasten. Verhacken lässt sich niemand gern, und wer wie ich, ein 10tel Einfamilienhaus in die Sanierung seiner Zähne investiert hat, sowieso nicht… Also ergriff ich, uncool aber realistisch, die Flucht zurück zum Club… Aber 27 Jahre jüngere Schnufers sind halt ganz einfach schneller als ein Mann, der 30 Jahre mit dem Motto, „No Sport“ gelebt hat… Weitere Schläge waren die Konsequenz… Herbeigeeilte Mitarbeiter von uns, wurden dann an meiner Stelle zum Opfer… Ich telefonierte Notruf 117… Der Rest ist einfach, die Jungs bestiegen unter den Augen der Beamten ein Auto… und brumm…

  Soviel zu unserer kerngesunden und ganz normalen Jugend im Jahr 2003! Und wie gesagt, äs tuet nume no bim ässe chli weh… minim… (6 Tage später) Die Geschichte eignet sich nicht schlecht aus Einstieg in einen Jahresrückblick, weil sie genau etwas zeigt: Die zunehmende Respektlosigkeit gegenüber allem und jedem, was nicht unmittelbar von direktem persönlichem Nutzen ist und das ist eigentlich fast alles ausser das eigene Händy, Duftseckli, Outo u Portmonee! 2003 war: ein gutes Jahr, ein finanziell nicht lukratives Jahr, das Jahr der wilden, lauten Konzerte, das Jahr der zunehmenden sinn- und ziellosen Aggressionen, das Jahr mit definitiv weniger Frauen unter den Gästen, das Jahr mit den meisten Anrufen bei der Polizei (5 – 7 Mal 2003, vorher in 15 Jahren ca. 5 Mal). Das Jahr mit dem latenten Rassismus im Vergnügungssektor, das Jahr mit zunehmender Respektlosigkeit gegenüber uns und unserem Club, gegenüber dem öffentlichen Raum, es war das Jahr der Neuerungen, der Innovation und alles war <Im Fluss> in diesem Jahr…

Was uns das neue Jahr bringt, wissen wir noch nicht, hoffen aber auf eine Sensibilisierung bei unseren Gästen, mehr Respekt und Anstand! Wünschen uns mehr Hausfrieden und volle Kassen, ein weiteres Spektrum bei unseren Konsumenten, eine 2 Auflage des <Im Fluss> Festivals, Glück in Haus und Stall… Danken: All unseren Mitarbeiter-Innen, den Behörden der Stadt Thun, dem Kanton Bern, allen Künstlern (DJ’s, Musiker), allen, die uns immer mit ihren Besuchen beehren und dem Niesen, dass er jeden Tag so da steht, wie ein Niesen zu stehen hat!

Und… Das Meer saugt alle Flüsse aus und wo der Fluss am weitesten weg vom Meer ist das Saugen schwach und der Bach dünn.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein bewusstes 2004, auf das wir dem Nirvana ein Stück näher kommen…

Euer MC Anliker

Herbergsvater

& Monster of Ceremonies

Café/Bar Mokka Thun

P.S. Wir sehen uns am Silvester!!