November 2001

HALBSCHLAFEND DURCH DAS SCHWEIZER MITTELLAND SCHWEBEN. DER NAHENDE WINTER WIRFT SEINE SCHATTEN VORAUS UND ICH WILL EUER HERBERGSVATER SEIN.

EIN TEXT ZUM NOVEMBER 2001, GESCHRIEBEN IN QUALITÄTSLEDERSCHUHEN VON ALDO BRUE®.

Liebe Handy-Junkies, Duftsäckli-Anschauer, Hobby-Tomatenzüchter, Modellflugzeugbauer und MUSIK IST SCHEISSE-Fans. Nach drei Stunden Schlaf aufstehen, mit 3 dl Wasser den Schlaf aus den Augen waschen, im Halbschlaf etwas vor dem Spiegel rumdrucksen und sich überlegen, wer man ist oder warum Mann ist. Und dass doch der Zug schon in 20 Minuten fährt und: Ich sollte doch noch Schlafzimmer, Bad und Küche putzen, die Böden feucht aufnehmen, einkaufen und… und… Manchmal möchte ich lieber Bob Dylan sein, der seit 30 Jahren auf einer Never-Ending Tour ist, meistens in normierten Hotelzimmern lebt und dort vielleicht der gleiche Schweinehund ist wie Pierce Brosnan, der James Bond der letzten zwei Bond Filme, der laut einer deutschen Klatschpostille regelmässig seine Hotelzimmer abbruchreif hinterlässt und jeweils noch, mit was auch immer, die Wände bemalt. Eine arme Sau! Geld wie Heu, aber dafür voller Probleme und einsam wie nur etwas. Ich möchte zwar nicht immer in einem Hotel leben müssen, aber manchmal möchte ich ganz einfach zaubern können und dann würde ich, Hockuspockus Fidibus… meine Wohnung putzen, einkaufen und waschen und in der Zeit, die ich gewinne, würde ich mich dem Nichtstun widmen, etwas, was ich sehr schlecht kann und das zu lernen sich lohnen würde (schön geschrieben, Alter!). Ich bin immer noch im Halbschlaf vor dem Spiegel, so Gedankenfluten, die zum Niederschreiben zehn Minuten dauern, hat man in Sekunden und kommt dabei meist zu keinem End Langsam werde ich wach, meistens vom Zähneputzen (das belebt mich mehr als eine Dusche…). Die Erinnerung an gestern kommt langsam aus dem Nebel und wird klarer…

GESTERN WAR DEFINITIV NICHT GEIL!

Gestern war so ein Kultur-Killer-Tag! Morgens 10 Uhr einfahren, in den Stollen, und morgens um 3 Uhr ausfahren. In der Zeit 500 Kopien durchgelassen, 20 Seiten Programmheftgrafik montiert, 4 Plakate gestaltet, zusammen mit Frau Jenni einen ganzen Presseversand, inkl. Fotobeschriftung gemacht, eine Pressekurzmeldung in 35 Exemplaren erstellt, den Plakatsatz korrigiert und daneben noch eine widerliche Reggaeband zu Besuch gehabt… Respect, Yeah Man! Kulturarbeit wie sie nie sein sollte, wie sie nicht sein darf… unmenschlich und menschenverachtend aber doch relativ realistisch! Oh, sorry, ich darf ja so Sachen nicht wirklich schreiben. Es könten sich ein paar zarte Seelen auf ihrer rosaroten Wolke gestört fühlen.Hier noch, wortwörtlich wiedergegeben, eine Zuschrift aus dem Berner Oberland: „MC Anliker, Master of Peace Off mit seinen ewigen Reklamationen. S’wird immer schlimmer + I bruches nüme! Hoffentlich schreibt er mal was ‚Richtiges’, äs würd mi interessiere.“ Ja, liebe L.G., ehemals S. in L., ich wünsche Dir viel Ruhe in deinem Chalet und wie wars mit Aktien kaufen von Milupa und Pampers? und sonst dann noch einen Setzkasten mit lauter ‚härzige Sächeli dinne’ kaufen… auf der Broccante! Nur, schau gut zu Deinen Kids, auch sie werden einmal älter und werden saufen und kiffen und mit widerlichen Hosen, in stinkigen Turnschuhen rumlaufen und Du musst das ertragen. Denn: Auch auf dem Lande gehen die Sitten vor die Hunde! Du wirst vielleicht in zehn Jahren noch an meine ‚Reklamationen’ denken Ich habe ja grundsätzlich gerne Post-Mails (sucks@mokka.ch) oder Telefone mit Rückmeldungen zu meinen Texten und möchte mich hier auch noch bedanken für die Post der letzten Wochen, die ja auch nicht immer einfach unkritisch ist und deren Antwort ich meistens schuldig bleibe… shame on you, MC!  Nur, liebe Leserinnen und Leser, was ich hier jeweils auf diesen Seiten schreibe, stimmt grundsätzlich und bietet Euch einen exklusiven Blick hinter die Kulissen eines Kulturbetriebes. Ich weiss, die wenigsten Clubs haben ein Programmheft und noch wenigere haben ein Editorial. Und haben sie eins, tönt es meistens so, oder so ähnlich: „Liebe Partypeople, wieder Post von uns. Hey, hey, hey! Nachdem die letzten zwei Partys ‚housig’s’ mit DJ Ueli / ‘Ibiza 2030’ mit DJ Severin aus Bachenbülach, ein Riesenerfolg waren, hauen wir diesen Monat noch einen drauf, let’s fetz… bis die Decke wackelt! Natürlich im ‚Sünneli’, d’Bar, wo’s passiert (wi dr Roli würd säge!)“ und so weiter und so fort… Das würdet Ihr ja auch nicht lesen wollen, sind wir ehrlich!

Nun, mittlerweile bin ich zuhause schon fast zur Türe hinaus und habe gute Chancen, den 10.18 Zug nach Basel zu erwischen. Ich bin im Programm der Mitarbeitertagung der Schweizer Jugendherbergen. Ein Podium zum Thema „Qualität auch im billigen Dienstleistungssegment“. Ein Thema, zu dem ich schon einiges zu sagen haben werde und: Ausflüge liebe ich! Im Zug muss ich halt dann noch texten. Das ist doch fast ein wenig wie Hobby, Herr Anliker… das machen Sie ja gerne! Shut up! Zug erwischt. es hat sogar einmal keine Kiddies drin, die Duftsäckli anschauen. Sensationell! Meistens wollen dann diese Kids noch bei mir im Abteil, zu viert, Platz nehmen und meinen, dass Opa Anliker, nur weil er aussieht wie einer, der am Altamon Festival 1969 Sanitäter war, auf Kiffer und kiffen steht. Meistens endet es mit dem Ultimatum: Ihr oder ich… Und so habe ich jeweils geruhsame Zugreisen mit genügend Beinfreiheiten! Alter Fiesling… shame on You, MC!  Heute wird’s klappen, ich spüre es! Schreiben geht ja immer noch nicht von selbst und der selberschreibende ‚Pentel® Sign Pen’ gibt es auch noch nicht, so muss ich wieder mal selber… „Immer aues muesme säuber mache!“

Nicht alle Züge eignen sich zum analogen Schreiben gleich gut (MC Anliker hat immer noch keinen Laptop). Ich hatte das Glück, im EC 104 Berner Oberland einen Wagen mit entsprechender Einrichtung zu erwischen … so aufklappbare Laminat-Teile, die sicher bei Senioren Ausflügen als Jasstisch ge- oder missbraucht werden. Wichtig bei Zügen ist natürlich das Fahrwerk. Es ist einzig und allein entscheidend, ob während der Fahrt geschrieben werden kann. Auch hier scheine ich heute, Freitag, 26. Oktober, auf der Glückssträhne zu fahren. Draussen huscht der Schlachthof Bern vorbei, wo um die Zeit – 12 Uhr mittags – sicher schon 250 Schweine und 150 Rinder und Kühe ihr Leben gelassen haben, für unseren Wohlstand! (Der Besuch eines Schlachthofes sollte eigentlich für jede/n Fleischesser/in Pflicht sein! Ä Guetä!) Mittlerweile ist der Zug schon in Burgdorf vorbei und das Mittelland zeigt sich herbstlich neblig, die Kühe stehen schon ein wenig dichter zusammen als im Sommer und an den Obstbäumen ist das nahende Jahresende schon gut sichtbar. In der Zeitung ist zu lesen, dass in Nord-Dakota frühe Blizzards schon 60 cm Schnee deponierten. Ja, solche Sachen machen den Menschen Angst, Naturgewalten, die uns in ihrer Intensität zeigen, welch kleine Fuzzies wir doch sind!

Die erste grosse Schafherde dieses angehenden Winters, ist in der Nähe von Roggwil auf einem Feld zu sehen… Ein archaisches Bild: 1 Schäfer, 1 Hund, 1 Esel und hunderte von Schafen. Nicht anders als vor 2000 Jahren, nur dass der Schäfer heute wohl ein Handy bei sich hat. Schäfer ist sicher ein schöner Beruf, so die ganze Zeit irgendwo im Niemandsland zu stehen und den Schafen beim Fressen zuzusehen. Hey, relax man! Zugfahren ist definitiv geil! In Basel lief alles gut. Ich bin aber froh, dass ich im Mokka Herbergsvater bin und nicht in einer Jugendherberge. Unten am Rhein muss es sein (Mokka Fanclub grüsst Fink am Ende des Flusses), traf ich noch die Frauen von Les Reines Prochaines, kuze Begegnung, noch schnell eine Einladung für eine Show in Thun  machen und Tschüss! Apropos Show: Leider ruft der Zeitplan schon wieder zur Heimreise auf. Heute Abend ist Sportfreunde Stiller auf unserer Bühne. Ich freue mich auf die Jungs und… gibt es wohl Leute?

Der Oktober 2001 war ein fetter Monat für uns, Arbeit bis zum Abwinken und gut besuchte Shows! Müde, aber zufrieden ist die Grundstimmung. Viele liebe Freunde aus der Musikbranche waren diesen Monat bei uns zu Besuch. Fink aus Hamburg, Lunik aus Bern, Manufactur, Aeronauten, A-Poetic, der Kennedy aus Irland, und Tav Falco aus Memphis und natürlich das Rockstar Collectiv aus Bern… alle waren sie da und haben gute Jobs gemacht, Merci vielmal! Züri West in der grossen Halle war sehr fett und geil! Ein Megaaufwand, der sich gelohnt hat. Von unserer Seite waren ca. 360 bezahlte Arbeitsstunden im Spiel… und jenste Kosten für weiss nicht was alles! Der Anlass war beste Werbung für Rock’n’Roll und CAFE/BAR MOKKA! Wir haben einmal mehr erfahren und bewiesen, wie das mit den Grenzen des Machbaren aussieht, und wie stark ein Team sein kann!

GESTERN WAR GEIL!

So macht arbeiten Spass, wenn man richtig abdrücken kann, voll fett! Im kommenden Novemberprogramm wurde ein wenig reduziert. ‚Nur’ 13 Shows und ein paar Dutzend DJ’s… und an 22 Tagen: gepflegte Toiletten! Und warme Snacks, passende Getränke, gratis Garderobe, gratis Disco am Mittwoch, Donnerstag und Sonntag und… Cola flüssig und MUSIK IST SCHEISSE bis zum Abwinken! CAFÉ/BAR MOKKA in der 16. Saison! Immer bestrebt, so zu bleiben, wie wir schon immer waren… menschlicher und aufmerksamer als andere. Preis-Leistungsverhältnis besser als normal, dazu trendig wie vor 12 Jahren und gleichzeitig traditionell wie der Bären in Konolfingen oder ‚d’Sagi’ in Buchsi.

In dem Sinn, schicke ich Euch fadengerade Grüsse aus der sonnigen Arbeitszelle und rufe Euch zu: Macht es besser! Wir sehen uns im November und… kommt doch mit dem Bus, Velo, Zug, Taxi… es ist umweltverträglicher und sicherer so.

Keep on Rocking the House

MC ANLIKER

MASTER OF HOPEFUL AND POSITIVE THINKING

MASTER OF CONNECTING PEOPLE LONG BEFORE ORANGE AND SWISSCOM

MASTER OF WORKING SLAVE CULTURE