Juni 2001

GESTERN WAR GEIL! EIN PAAR ZEILEN ZUM SOMMER UND ZU FRÜHER.

15 JAHRE TEENIETUS – CAFÉ/BAR MOKKA HAT JUBILÄUM

Wenn die Elektro- und Motorensensen röhren und swirren, die Motoren der Segelflieger-Schlepper von weitem tuckern, der Mittagsverkehr in den Quartieren fast ruht, die Autobesitzer ihre Statussymbole staubsaugen, die Fenster der Wohnhäuser schon halb geöffnet sind und ab und zu ein Mensch auf einem Balkon zu sehen ist, Kinderstimmen stundenlang rufen: „Lueg mau Papi, Du Mami chum schnäu… Mami, Mamiiiii… Papiiiii!“ Wenn die sechzigjährige Frau Geiser in den Polyacryl-Leggins und dem bauchfreien Top mit dem Aufdruck V.I.P. (Verdammt Indiskrete Person) und einer rosaroten Badetasche mit ihren 118 Kg Körpergewicht durchs Quartier strebt, während ihr Mann beim Denner zusammen mit den Junkies und Polytoxikomanen an der Kasse ansteht, um seine vier Sixpacks Tellbier und die Stange Parisienne Extra zu bezahlen… wenn sich samstagnachmittags der Geruch von frisch gemähten Rasenflächen ausdehnt um dann im Verlauf des frühen Abends vom Duft der Grillwürste abgelöst und überdeckt zu werden… Dann, ja dann, liebe Pfadfinder/innen, liebe Leser/innen, dann ist definitiv Sommer! Sommer ist die Zeit der Hyperaktivität, des Vergessens, Verdrängens, Geniessens, des Fliehens und der Betäubung, die Zeit der Geselligkeit und der Depressionen. Sommer ist eine intensive, schöne Zeit, eine Zeit voller Körperlichkeiten und somit auch eine sinnliche Zeit. Im Sommer ist unser Freund Miller z.B. schon Samstagnachmittag um 15 Uhr blau und spitz wie ein russischer Seemann nach sieben Wochen auf dem Kohlenfrachter.  Der Sommer ist für die Gastronomie eine sehr wichtige, aber auch arbeits- und aufwandsintensive Zeit und der Aufwand nimmt irgendwie stetig zu.

GESTERN WAR GEIL! Dieser Spruch bringt vieles auf den Punkt und ist irgendwie für so vieles gültig,  z.B. für die Gastronomie. So mancher Wirt, so manche Wirtin, so viele Kellner/innen denken mit Wehmut an die Zeiten zurück, wo der Konsument noch einfach eine Cola bestellte ohne noch ein Glas Wasser dazu, wo die Sozialarbeiter und Energieberater, die Jugendpsychologen und Lehrer/innen im Alpenrösli beim Mittagessen noch Süssmost und Sommerdrinks statt: „Ä haube Haneburger“ bestellten (mit Eis, versteht sich), wo die Gartenrestaurants noch klar den Betreiber/innen und nicht wie heute, den Gästen gehörten, wo letztgenannte ihre sommerschweissnassen Füsse noch unter dem Tisch liessen und das Gras noch dezent am Rande der „Chilbi“ geraucht wurde… wo die Kids noch keine Invicta®-Rucksäcke Tag und Nacht durch die Gegend schleppten mit Inhalten, die allesamt dazu da sind, das Hirn abzutöten. GESTERN WAR GEIL! Ist natürlich auch für CAFÉ/BAR MOKKA gültig, weil wir ja als Gastobetrieb extrem spüren, dass uns im Sommer unser Garten nur noch halb gehört und wenn man noch weiter zurückschaut, wird Mann/Frau extrem wehmütig beim Satz: „Gestern war geil!“ Da denken die Grufties z.B. an Bar Mokka Waisenhaus! Wer kennt das noch?

1984 war es, das Jahr der Jugend! (International) zu diesem Anlass wurde in der 16 m2 grossen Waschküche des alten Waisenhauses, während 10 Tagen, eine kleine alkoholfreie Bar betrieben, als Projekt von Jugendarbeitern in Zusammenarbeit mit Jugendlichen. Der Name war: (dreimal dürft Ihr raten) Café Mokka. Der Anlass wurde wiederholt und unter stetigem Wachstum bis 1994 als 3-wöchiger Anlass, jeweils mitte August bis Anfangs September, mitten in der Stadt durchgeführt. Jawohl! Etwas, was heute unvorstellbar wäre, konnte noch vor zehn Jahren als Lehrstück durchgezogen werden. Konzerte, Filme/Kleinkonzerte in der Galerie von Gunten, wo sich heute die „Schelis“ und SMS-Yuppies von Thun die Klinke und die Schweizer Illustrierte in die Hand drücken (Restaurant Alte Öle) auf einem Parkplatz an der Aare. Angefangen mit zwei Parkfeldern, die ausnahmsweise der Kultur, der Begegnung von Menschen, zur Verfügung gestellt wurde, mauserte sich dieser Anlass zu einem wichtigen Ventil in einer damals noch sehr sehr rückständigen und konservativen Stadt. Die Kultur, die damals geboten wurde, war für die Zeit Top of Top, Eintritt gab es keinen! Und in die herumgereichten Sammelbüchsen schmissen die Kids, Freaks und andere Spezies schon damals lieber die Restmünzen aus den Ferien im Ausland, oder Unterlagsscheiben und Steine. Die über hundert Mitarbeiter/innen arbeiteten gratis, als Toiletten für zeitweise 1’000 Personen auf dem Platz dienten die zwei stinkigen öffentlichen Toiletten im Waisenhaus.

„Kebabdänu“ erzählte von Marokko, Bähler Tinu brachte uns damals noch selber Bier auf den Platz und die I.G.T. (etwas, was man jungen Lesern auch wieder erklären muss: I.G.T. = Interessen Gemeinschaft Thuner Innenstadtgeschäfte, ein langes Wort für so wenig Inhalt…, eine Vereinigung, die damals fast als Schattenregierung wirkte. Keine Aktivität in der Innenstadt wurde bewilligt, ohne die I.G.T. zu fragen, zu informieren. Ihr langjähriger Oberguru Jürg Läderach nannte man ‚im Volksmund’ Idi Alpin oder auch Bälliz Chomeini, in Anlehnung an zwei totalitäre Politiker in den frühen 80ern (Uganda + Iran)) lief regelmässig sturm, die Anwohner wählten sich die Finger wund, um die Polizei anzurufen und gewisse Wirte zählten unser Leergut, um zu beweisen, wie schädlich wir für ihr Geschäft waren. Bezeichnenderweise wurde die Betriebsbewilligung als Kopie von der Stadt Thun direkt an die I.G.T. geschickt. Und trotz allem: GESTERN WAR GEIL! Das Mokka Waisenhaus war unser Baby, mit dem zusammen sind wir gross, stark und auch berühmt geworden, sind mit ihm zusammen gewachsen, haben sehr sehr viel gelernt dabei und dazu manchmal auch noch eine schöne Stange Geld verdient und Idealismus wurde trotz allem noch gelebt! (Zahlen: 1993 hatten wir mit 18 Betriebstagen Fr. 156’000.– umgesetzt und ca. 50’000.– Reingewinn gemacht, beim zehnten und letzten Mal 1994 hatten wir schlechtes Wetter und verloren ca. Fr. 52’000.–… Lernstücke in Sachen Wirtschaft!). Für Leser/innen, die sich das Ganze nicht so vorstellen können: Ein heutiger Hochfrequenz-Donnerstagabend oder Samstagnachmittag auf dem Mühleplatz, nur mit gemischtem Publikum, Dekorationen, Pflanzen und das eben als die Sensation in einer Zeit, wo es in Thun gerade mal drei Gartenbeizen im Stadtgebiet gab. Die Stadtpolizei wurde jeweils delegiert und wartete hinter der Bühne, um dann um 22.00 Uhr pünktlich auf den Plan zu treten und sich regelmässig im Buhkonzert der Massen zu baden. Gestern war geil! Nichts mehr liesse jemand, der heute zur normalen Samstagapérozeit (von 11.00 – 20.00 Uhr) im Bermudadreieck Mühle/Waisenhausplatz flaniert, darauf schliesssen, dass in dieser Stadt noch vor 12 Jahren samstags ab 16.00 Uhr die Trottoires hochgeklappt wurden und das Gewerbeamt noch Wehrdienste und Hygiene hiess und dessen Papst Robert Roman noch verhinderte, was zu verhindern in seiner Macht stand. Und trotzdem: GESTERN WAR GEIL! Man konnte gegen dieses Packeis ankämpfen und etwas verändern, man war Vorreiter und Kult, ohne es zu merken, weil man halt auch viel betäubt war und alles so einfach und so neu und aufregend war.

Solche Gedanken kommen dem Schreiber, wenn es wieder einmal soweit ist, dass eine 9 1/2 Monate lange Konzertsaison kurz vor Abschluss steht und es vom Wetter her wieder verdammt schwierig wird, die verbleibenden Shows zu verkaufen. Nun, wir wollen nicht jammern, wir haben uns in diesen langen Monaten unserer 15. Saison sehr gut über Wasser gehalten, trotz Einbruch des Gastrogeschäftes und einer gewissen Übersättigung der Konsument/innen im Bereich Musik. Klar, gilt auch hier… GESTERN WAR GEIL! Aber das sind halt gesellschaftliche Bewegungen, die wir immer wieder spürten und die wir auch in Zukunft immer spüren werden. Mit dem müssen wir leben können. Was uns dieser Sommer bringen wird, werden wir ja dann sehen. Tendenziell wird Mokka Summerdance Vol. 1 und Vol. 2 ähnlich aufgebaut sein wie die letzten zwei Jahre, nur dass es mehr Shows (im Haus) dazu gibt. Diese werden dann um Mitternacht beginnen. Damit sind wir voll dabei! Ein Grossstadt-Programm auch im Sommer, dazu noch neue Dekorationen und evtl. werden wir diesen Sommer die gesamte Gartenfläche bewirten! (Unsere Nachbarn stecken in einer Struktur- und Finanzkrise und wir würden ihnen mit dem Mietzins für den Garten etwas Freiraum schaffen.) Nun, liebe Leser/innen, wir wissen in wenigen Tagen mehr zu diesem Thema. Zuerst kommt nun mal die Mokka Regionaltonwoche und die Oberländer Luftgitarrenmeisterschaft und die vier heissen Shows zum Saisonende, die wir Euch noch ganz gerne verkaufen möchten!

Auf ein baldiges Wiedersehen im schönsten Club Europas (das sagen alle Bands immer!)

Schiff ahoi! Ruft Euch Euer Piratenkapitän zu!

Herzlich

MC ANLIKER

MASTER OF SHIPPING IN FOG AND STORM

MASTER OF SITTING ON A BALKONY AND DRINKING STILL WATER

MASTER OF THE ENDLESS SUMMER