November 2000

FRAGEN? FRAGEN TUN SICH SCHON EHER DIE, DIE ETWAS WAGEN, ODER ETWAS SAGEN.

EIN RIESENGEJAMMER ZU KULTUR, THUN, UND NEUEN GÖTTERN.

Fragen tut man sich schon zwischendurch und ganz sicher zu recht, was das eigentlich soll, mit dieser Kultur, mit dieser Lifemusiksache hier in Thun und in der Schweiz im Allgemeinen. Für was muss ich mich hier abrackern, Tag für Tag, Woche für Woche und die Traumdestinationen wie New York, Beirut, Dubrovnik, Napoli usw. jeden Monat von Neuem in weite Fernen verdrängen? Wenn ja ganz konkret niemand wirklich Kultur leben will in dieser Stadt? Keine Hobby-Musiker, von denen es sicher 200 in Thun gibt, die Bands, vor allem neue, auschecken, keine Indienfahrer/innen, die z.B. indische Musik anhören kommen, wenn wir sie auf unserer Bühne haben, keine der 1’000 Kiffer von marokkanischem Hasch würden z.B. eine Gnawa Show mit Musikern aus Marrakech besuchen, auch wenn man doch davon ausgehen muss, dass sie auf Maroc/co stehen. Keine Jazzfreunde über 30, die ihre Helden von früher, deren Platten sie zuhause immer wieder abstauben und im Compi auf einem Archiv-Programm katalogisieren, live und hautnah ansehen wollen. Die einzigen, die ihre Lieblingskultur gerne live sehen, sind die Irlandfahrer/innen, die mit dem Interrail-Ticket damals in die Ferien fuhren. Weisch no z Döblin?

Zum Vermarkten der Shows brauchen wir immer mehr Aufwand, sprich Zeit. Offerten, Abklärungen, Daten hin und her schieben, Absagen entgegennehmen und das immer in der Davidposition im Goliathmusikgeschäft, das für alle Beteiligten immer mehr zur Sackgasse verkommt. Eine Branche, in der knappe 3% der vertretenen Künstler wirklich verdient. Allein 500 CD-Veröffentlichungen für den CH-Markt von 21. Oktober bis 24. Dezember 2000! Das ist zwar nur eine Zahl, aber wenn man sich vorstellt, hinter jeder CD ist eine Musikgruppe mit einer Geschichte, ein Produzententeam, Tontechniker, Grafiker, Freunde usw., die sich den Arsch aufreissen für ihr Ding, das dann in zwei Jahren als Sondermüll in einer Kehrichtverbrennungsanlage landet. Wahrgenommen werden CD’s nur noch auf Rotation in Radios und solche mit Videos auf MTV, Swizz (MTV kauft Swizz) und Viva. Hand auf’s Herz. Dort sind doch schon Britney Spears und all die geklonten Boy and Girl Groups.

Die Zeit, die wir für eine Show brauchen, teilt sich in etwa: zwei bis drei Stunden mit der Agentur (Details, Verträge und so) zwei Stunden Grafik. vier Std. plakatieren, einkaufen, kochen ca. 2 1/2 Std., Ton ca. 4 1/2 – 5 1/2 Std., Licht 3 Std. Putzen 1 Std., dazu noch zusätzliche Kosten von Fr. 1’500.– bis 3‘000.–, pro Show! Unsere fixen Kosten dürfen wir schon gar nicht rechnen, sonst wird es ganz übel. Am Konzertabend drängen sich dann 8 bis 15 Besucher/Innen in einen Clubeck und bringen zwischen Fr. 80.– und 300.– in die Kasse, ein finanzielles Meisterstück, sind wir ehrlich!

Herr Grossniklaus und Herr Buchs – Gemeinderäte – von der Friede den Palästen Partei würden jetzt sagen, dass wir so gar keine Existenzberechtigung haben und schon gar keine Subventionsberechtigung. Melchior Buchs möchte ja schon lange die Subventionen, die CAFÉ/BAR MOKKA erhält, Kulturzentren wie Bierhalle, Danceparadies, Orvis oder MC Donalds geben, da die ja viel mehr Erfolg haben als wir. Nur eins sollte diesen Leuten klar sein: Noch mehr Arbeit, als mit der Musik haben wir mit dem Hüten unserer jugendlichen Gäste, die ja jedes Jahr zwei mal <neu> vor der Türe stehen und die mittlerweile so blöde sind, dass es in keine Saurierhaut mehr passt. Blöde, meint die Blödheit dieser neuen Generation, die Uniformierung und die Konsumgläubigkeit, wo Markenartikel mittlerweile schon grösseres Ansehen geniessen als Grundwerte wie Glauben (an was auch immer), Lebensqualität, zwischenmenschliche Beziehungen oder Zukunft. Nokia und Motorola, Swisscom und Orange als neue Götter, Mc Donalds als Guru und kiffen als Hauptinhalt. Dazu scheint dieser abgelöschten Szene jeglicher Anstand zu fehlen. Auf den Boden spucken (chodere) ist mittlerweile Standart. Den Vogel schoss ein megacooles Arschloch am Samstag, 21. Oktober ab: Beim Vorbeilaufen <choderete> er auf den Tresen unseres pakistanischen Foodstands! So cool, Baby! Wenn ich dabei gestanden hätte, würdest Du nun ziemlich viel älter aussehen. Garantiert! Samstage sind mittlerweile sowieso die Hölle. Alle nicht Technokids treffen sich zur gemeinsamen <alles ist scheisse>-Manifestation im Ghettogarten an der Allmendstrasse, betäubt wie Elefantenbulle Rico bei der Verlegung vom Römer Zoo nach Amsterdam. Und wehe, wir möchten etwa noch eine gewisse Ordnung auf unseren Tischen aufrecht erhalten. Hey geits no Mann, lah üs lah si, Mann. Dank der Snowboard- und Freizeitindustrie, MTV und Adolf Ogi (Hey Mann, viu Glück bir UNO) sind warme Winterjacken so weit verbreitet, dass wir mittlerweile von einer Gartenhängersaison von 50 Wochen im Jahr ausgehen müssen, was uns finanziell ziemlich zu schaffen macht. Eintritt zahlen in einen Club? Für was? Wenn man ja draussen auch rumhängen kann! Was Musik? Was Kultur?

<Dir, dir sit doch hie dr Chef? I ha öich scho lang mau welle säge, dass ig ds Mogga so huere geil finde, wiu me hie so guet cha kiffe!> (Ein völlig bedröhnter Kid um 2 Uhr morgens.) Solche Begebenheiten wirken sehr stimulierend auf mich… ich fühle mich immer so gut nachher, so verstanden in meiner Arbeit. So am richtigen Ort! OK, das war jetzt ironisch!

Nun, liebe Leserinnen und Leser, jetzt habt Ihr wieder einmal ein bisschen Informationen aus einem der letzten übriggebliebenen Musikclubs der Schweiz erhalten. Die Quintessenz für uns, wie für Euch, ist ganz klar: Besucht die CH-Musikclubs solange es sie noch gibt! (Dass wir Shows im Programm haben, brauche ich wohl hier nicht mehr zu erwähnen.)

Auf einen kalten Winter mit warmen Stuben und verrauchten Kellern.

Es grüsst Euch

MC ANLIKER

MASTER OF WATCHING MANY THINGS IN THIS FUCKING TOWN

MASTER OF LIKE THE WINTERTIME

MASTER OF NO SPORTS