Mai 2009

DIE NEUEN TECHNOLGIEN MACHEN UNS ZU SKLAVEN… DER SOMMER 2009 STEHT IM TREPPENHAUS UND WIRD GLEICH AN DER TÜRE LÄUTEN…. MUSS DER KUNDE KÖNIG SEIN, AUCH WENN ER NICHT WEISS, WIE SICH EIN KÖNIG ZU BENEHMEN HAT..?? GEDANKEN ZUM MAI 2009, IN RUHE GESCHRIEBEN..

Am Donnerstag 23. April 2009 war es in Punto Arenas, Patagonien, Chile 4 Grad minus am Morgen und maximal 8 Grad plus am Nachmittag, der Wind war zwischen 80 und 100 km/h stark und blies von Westen… warum ich das weiss, und was das mir bringt? Die neue digitale Zeit lässt uns permanent abschweifen, wir haben bequem per Mausklick Zugriff auf die artigsten und abartigsten Informationen aus der Unendlichkeit des World Wide Web, das Wetter in Patagonien… da kann man auch gleich bei Google vorbei und die Karten anschauen oder die Satellitenbilder der Gegend. Ein privater Reisender ist im hart umkämpften Ranking der Adressen bei Punto Arenas vor der offiziellen Tourismus-Website, und da kann man doch auch noch ein paar Bilder der Stadt und der nahen Umgebung schauen… Easy…dauert ja nur 20 Minuten… irgendwie landet man erfahrungsgemäss aber irgendwo, meist im Nirgendwo, weil die Web-Welt zum reisen lockt… am Donnerstag landete ich in einem News Portal und blieb bei Pakistan hängen… da war die Meldung, dass die Taliban nur noch 70 Meilen von der Hauptstadt Islamabad entfernt sind… also quasi schon fast das ganze Land kontrollieren, und mittlerweile die Sharia in einer extrem strengen Auslegung in weiten Teilen des Landes eingeführt wird, weil Regierung, Armee und Zivilgesellschaft vor dem Zusammenbruch stehen. 130 Millionen Menschen leben in Pakistan und in Zukunft sollen keine Mädchen und Frauen mehr in eine Schule dürfen, verboten wird dann fast alles, was nicht Beten und Männerwelt ist. Leben in einem Gottesstaat… Da kriege ich selbst in meinem progressiven-Kultur-Ghetto Hühnerhaut… und per Mausklick kehre ich gerne wieder hierher zurück… Warum aber startete ich eigentlich die Reise…? Ganz einfach, an diesem Tag spielten Hielo Negro aus Punto Arenas bei uns und da wollte ich kurz schauen wie es in ihrer Heimat ausschaut, und da wir ja kaum etwas Genaues über solch abgelegene Regionen wissen, dachte ich…. und darum…!!!!

Das ganze zeigt aber auf, wie die heutige schnelle Welt funktioniert, wir wissen Sachen, die uns nicht wirklich weiter bringen, die uns vom hier und jetzt entfernen, die uns generell entfremden und uns auch ohne Ende stressen können. Wir haben uns von multinationalen Konzernen, in den letzten 20 Jahren in einer Art und Weise knechten lassen, die wir vor 15 Jahren noch empört von uns gewiesen hätten: hei geits no, das isch doch ä richtig grobe Igriff id`Privatsphäre… die chöi jederzyt gseh wo ig bi… nei, sicher nid mit mir!! Aber frei nach dem Motto: Wir kämpften gegen das Packeis und ertranken im Softeis… sind wir in den letzten 20 Jahren die faulsten Kompromisse eingegangen, sind satt und träge geworden und selbst die alten, radikalen Anarchisten sind heute 24 Std. <auf Sendung>. Der gesamte Datenverkehr unseres Clubs ist auf den Festplatten unserer Computer, und die sind mittlerweile 2,6 GB gross… Normal! Die Mails, die ich empfange können heute auch 24 MB gross sein… Normal! Wir haben uns voll diesen technischen Spielereien hingegeben, haben ohne nachzufragen in einer Zeitspanne weit unter 10 Jahren alle unserer Kommunikations-Traditionen über Bord geworfen und sind dadurch extrem abhängig und verletzlich geworden. Das Wort Sucht, habe ich jetzt bewusst nicht ins Spiel gebracht, obwohl dieser Aspekt sehr Zentral ist und immer zentraler wird. Im Moment sitzen im Garten unseres Nachbarn die Kids im Finstern an Tischen, die Gesichter von den Bildschirmen der Handys und von den glühenden Joint`s und Zigaretten beleuchtet, in der Kälte des Samstagabends. Ein fast gespenstisches Bild, aber die 100%-Realität unseres neuen Lebensstils.

Ich bin selber Teil dieser Entwicklung, setze gerne auf neue Technologien und bin immer wieder zu haben, wenn es darum geht z.B. einen neuen, noch fetteren, noch schöneren Mac anzuschaffen, verwalte 90`000 digitale Bilder, habe 3 externe Festplatten, einen Netzwerkdrucker, 2 Compi-Supporter, und weis  wo der Mac Shop in Thun seinen Eingang hat…. Alle Texte, Bilder, viel Musik und die ganze organisatorische Kommunikation für unseren Konzertbetrieb läuft nur noch digital, und darum war ich letzte Woche ziemlich am Arsch, als der Fachmann beim Installieren eines neuen Betriebssystem, den Wechsel habe ich sicher 1 Jahr hinaus <geschummelt>, plötzlich VOODOO mässige Probleme hatte und ich dann fast 3 Tage ohne Computer in den Seilen hing. Ende Feuer, fertig lustig, da geht gar nichts mehr… und natürlich genau in der Woche, in der Ich die Clubwerbung produzieren muss, und mich an abgemachte Daten mit der Druckerei halten muss und will. Scheisse! Aber irgendwie lohnt sich die Aufregung nicht, es ist eh so was von Ebola- Maul und Klauenseuche-Vogelgrippe-Schweinepest und so zusammen…. und es zeigt uns einfach gnadenlos unsere Hilflosigkeit und die Abhängigkeit auf. Ich habe dann einfach möglichst tief durchgeatmet und noch 4 Liter Ruccola-Bärlauch-Pesto gemacht, CDs sortiert, Büro aufgeräumt und so Zeugs… Scheiss neue Welt. Noch eine geschichtliche Randnotiz zum Thema: Das erste Notebook, das ich 1995 für 2000.- Fr gekauft habe, war ein PC mit den Werten: 66MHz PCI / 8 MB RAM / 540 MB Harddisk / 15“ Monitor und mit DOS 6.22 / Windows 3.11 und einem SDS Ordering System…… Werte die ein Mobiltelefon schon vor 8 Jahren aufweisen konnte… 14 Jahre ist das her. Ich konnte diesem Teil im Fall damals noch nichts abgewinnen, es interessierte mich schlicht nicht, es gab auch keinen Grund, da damals alles noch analog lief und ich Sex und Drogen einfach geiler fand. Mein Sohn, damals 13jährig hat das Notebook dann als Rudimentäre Spielkonsole genutzt und dabei mit Viren vollgeladen und irgendwann landete das Teil wohl im Elektroschrott… Ich aber habe guten Willen zum Fortschritt gezeigt.. simer ehrlich.

Das Jahr 2009 ist ja schon wieder mächtig fortgeschritten und mit dem Frühling und den radikal steigenden Temperaturen steht wieder einmal der Sommer vor der Türe, die Jahreszeit, die uns Gastronomen nicht mehr die liebste ist, trotz guten Umsätzen und zunehmend mediterranem Klima. Unsere Freizeit- und Fun-Gesellschaft oszilliert immer schneller auf den Punkt zu, der vor Blödheit und Unbewusstheit nicht mehr zu überbieten sein wird. Der Wandel der Werte ist mittlerweile ein sehr schneller geworden, und wir alten Säcke der Gründergeneration fühlen uns zunehmend in unseren Läden, für die wir das halbe Leben und 2 Herzen gespendet haben, nicht mehr wohl. Klar sind wir ins Alter gekommen… sind nicht mehr so hart im Nehmen wie auch schon, aber die Frage: Wo soll das alles noch hinführen? darf durchaus gestellt werden, und auch Kritik darf man anbringen, auch wenn man vom Kritisiertem lebt. Dem modernen Konsument ist heute egal auf was für Fundamente gebaut wird, für ihn gibt es gar keine Frage nach dem Fundament, nach Geschichte, nach Hintergründen, eine Show besucht man in Scharen um zu Telefonieren, um mit dem Rücken zur Bühne die ganzen 2 Stunden laut zu reden, irgend einen belanglosen Quatsch loszulassen und damit die Umgebung zuzutexten. Wir hören manchmal am Mischpult den Sound der Band auf der Bühne, für deren guten Ton wir verantwortlich sind, vor lauter Geschnorre kaum mehr… aber wehe du sagt irgend so einem THC Hirnschaden etwas… dann bist du aber voll der Spielverderber, der Fun-Killer und: Hey man i ha Itritt zauht, figg di..!!

Das Dilemma ist Folgendes: Ist ein Konzert gut besucht, ist es genau so wie oben beschrieben, dann ist die Ertragslage gut aber der Rest manchmal ziemlich Scheisse, das ist bei 10% der Shows die wir anbieten so, beim Rest des Programms hat es dann meistens sehr wenig Publikum, und somit auch einen eher schlechten Ertrag….. Dann ist die Welt ausserhalb des Konzertraumes meistens umso kontrastreicher… hier die 25 Besucher/innen, die einem weltklasse Jazzer zuhören und draussen und in der Disco herrscht Ballermann… Klar zahlt Ballermann den weltklasse Jazzer… aber manchmal sind so Situationen schwer zu ertragen. Folgens kann an einem X-beliebigen Wochenende passieren: Ein musikalisch hochstehendes, aber schlecht besuchtes Konzert ist zu Ende, die Seele gesättigt von schönen Klängen, draussen dreht einer auf zuviel Stimorol ziemlich massiv durch, bittet man ihn, 2-3 Stufen runter zu fahren, weil bei 300 Gästen, kaum jemand davon nüchtern, in und um den Club, einer der durchdreht, zu einem grossen Problem werden kann, gilt das als Angriff auf seine Männlichkeit, entsprechend aggressiv ist dann seine Reaktion: Du Schwuli Fetti Sou…I mache di chaut..!!!! und dazu sein <Gang> von 10 Buben aus dem Bostude Quartier, die um ihn rumstehen, auf den Boden spucken und das natürlich sehr geil finden… weil ja einer der geschminkte Augen hat sowieso schwul ist, und Schwule sollte man sowieso alle umlegen, so die Logik dieser kriegstraumatisierten, von unserer Gesellschaft ausgeschlossenen Kids aus dem Balkan.

Wir sind wirklich manchmal mit unserem nicht kleinen Wissen und mit unserer Grossherzigkeit am Anschlag… das gebe ich zu. Wo soll das alles hinführen…? Wenn der Anstand noch mehr zurückgeht, der Egoismus und die Unbewusstheit noch grösser wird? Wie sollen wir den Besucher/innen Freiheiten ermöglichen, mit denen sie nicht umzugehen wissen. Unser Garten ist kein Ballermann-Platz und darf es nicht werden, wir sind darauf angewiesen, das wir nicht jeden Abend die Chaos und Ghetto Party auf den 800m2 Rundkies haben. Zudem hat sich die Situation mit unserem Woodstock Nachbarn nicht zum Bessern entwickelt… er züchtet in seinem Schummerlokal den ganzen Winter durch eine sehr schräge Kundschaft, ein stadtbekannter Zombie-Schläger ist z.B. mittlerweile schon so was wie Security Chef bei Chez Roberto. Das einzig Positive ist, das Roberto Integration ermöglicht, die ich nicht für wirklich möglich hielt: Kiffende Nazis verbrüdern sich mit kiffenden Balkanier… cool. Im Winter geht mir das Alpenrösli ziemlich am Arsch vorbei, aber im Sommer müssen wir dann diese zwei Kulturen zusammenbringen, was für mich von Jahr zu Jahr schwieriger wird. Aber gewisse Zuversicht muss ich behalten, weil der Sommer schon im Treppenhaus steht und nächstens an der Türe läuten wird. 100 Pro..

Eigentlich stecken wir ja mitten in der grössten Wirtschaftskrise des bestehenden Wirtschaftsmodels, aber wenn ich mich am Samstagmorgen oder -mittag in dieser Stadt bewege, weil ja auch die Rock`n`Roller essen wollen oder ich vielleicht am Sonntag auch etwas zuhause brauche, ist da immer noch so was von Wohlstand auf den Beinen, dass es mich fast blendet… nichts von Krise ist zu spüren.. An jedem Eck wird ge-aperölt was die Tische halten und dies mit den teuren Weinen und den noch teureren Häppchen, frei nach dem Motto: Man gönnt sich ja sonst nichts, und für die harte Arbeit muss man die Leber belohnen. Für Menschen über 40, und das sind dann die Eltern der Kids, die wir dann in der Nacht hüten, scheint das der Samstag Standart zu sein, und somit leben sie ihren Kids die Drogenpolitik vor…… Da ich ja jeweils nicht wirklich ausgeschlafen, weil nach 3 Stunden Halbschlaf von einem Cablecom Werbe-Terror-Telefon geweckt, (Please Taliban, come from Islamabad to kill the Cablecom, Now) zwischen all diesen Menschen, die unsere wirkliche Gesellschaft sind, zielstrebig meine Einkäufe mache, kommen mir in meiner Verwirrung immer wieder folgende Fragen hoch: Wo kommen all diese Leute her? Warum haben sie alle so schreckliche Sonnenbrillen an? Warum gibt es so viele von ihnen? Warum wissen alle, wie man Kinder macht? Warum müssen Kinderwagen heute so gross sein? Und, warum muss der Mensch dauernd so viele Sachen kaufen, und wo bringt er alle diese Sachen unter? Antworten auf diese Fragen erwarte ich keine, bin aber froh, jeweils wieder in meinen Garten, in meine Wohnung oder in den Club zurückkehren zu können. Living in the Ghetto als Über-Lebensstruktur trifft auf mich zu.

Ab 15. Juni 2009, das heisst eigentlich auf den Mittwoch 24. Juni 2009, zum Start von MOKKA SUMMERDANCE VOL.1/09 wird unser Haus rauchfrei betrieben…. Eine Wahnsinns Umstellung, die dann im Herbst und Winter zur grossen Herausforderung werden wird…. und für uns ziemlich hart werden kann.

Das FESTIVAL AM SCHLUSS 09 findet vom Donnerstag 23. Juli bis zum Sonntag 2. August 2009 auf dem Mühleplatz statt. Ab Montag 4. Mai 2009 fährt ein Kehrichtwagen des Tiefbauamtes mit der Grossen Festival-Werbung durch die Innenstadt, dies, eine neue Art von Werbung, auf die ich mich freue.

LIEBE LESERINNEN UND LESER ES BLEIBT MIR NOCH GENAU PLATZ EUCH EINEN SCHÖNEN MAI
ZU WÜNSCHEN, SCHAUT VORBEI, DAS PROGRAMM IST EIN SCHÖNES UND VIELSEITIGES,
TRINKEN KÖNNT IHR SONST JA AUCH NORMAL… ODER SO.
LIEBE GRÜSSE AUS THUNESIEN SCHICHT EUCH EUER:

MC ANLIKER
MONSTER OF CEREMONIES MOKKA THUN