April 2016

DAS QUATSCHEN AN KONZERTEN NERVT NICHT NUR MICH – LICHTBLICKE AM RANDE DER ÖDE UND EINE VORSCHAU AUF DEN SOMMER, DER SICHER KOMMEN WIRD.

MC ANLIKER ZUM APRIL 2016

„Never give up! Keep on Rockin!“ Das hat jemand vor ein paar Jahren hinten auf einen Brief an mich geschrieben und vor ein paar Minuten hat mein suchendes Auge diese Zeilen erspäht. Alles klar und eine wahrlich gute Botschaft, wenn man mit Osterpackungs-Jetlag im Clubbüro sitzt und ein Wettrennen mit der verstreichenden Zeit beginnen sollte. The Show must go on! Scheisse! Unser Programm zu Ostern 2016 war ambitioniert, aber lieblich und schön, wie man es sich erhofft. Alle auftretenden Künstler (100% Männer!) waren sehr nett, angenehm und dankbar, die Küche lief auf Hochtouren und der Backstage-Kühlschrank hatte auch ziemlich was auszugeben. Nach fast drei Monaten geschäftlicher Superflaute tut uns ein solcher Anlass in jeder Hinsicht gut. Das Personal hat mal wieder ein wenig Druck, die Geldkassette an der Kasse wurde endlich wieder einmal gefüllt und sogar die Kuhlschränke mussten an zwei Tagen während des Abends nachgefüllt werden –etwas, was in den letzten Monaten nicht  mehr vorkam. Die Disco-Crew musste sogar Erbrochenes wegputzen… auch dies ein Zeichen eines besseren Geschäftsganges, denn alles hat ja immer zwei Seiten. Wenn man kleine Frequenzen an Konzerten hat, hat das den grossen Vorteil, dass die Konzerte nicht durch das Gequatsche der Besucher/innen zum Hintergrund-Musik-Tool  verkommen und die gebotene Kunst bei den Menschen besser ankommen kann. Die gut besuchte Show von <Heisskalt> am Samstag und die volle Show von <Greis> am Sonntag wurde von der Hälfte des Publikums in Grund und Boden geschnorrt. Da hat man also zwar besser gefüllte Kassen, der Preis dafür ist aber sehr hoch. Es gibt bei Konzerten/Events keine Preis-Schmerz-Grenze mehr, in ‚Zureich’ zahlen die Menschen Fr. 80.– Eintritt und quatschen sich durch den Abend, als gäbe es keine Show auf der Bühne. iPhone-Kultur! Fuck!

Ich habe mich während diesen Shows am Licht-Pult masslos aufgeregt und mir zugleich ein paar Sachen überlegt, wie wir als Veranstalter gegen diese Unsitte agieren könnten: Ich baue mir einen ausfahrbaren Teleskob-Stab, mit einen Schild vorne dran auf dem „Schnauze“ oder „Shut up“ steht, das man dann den Super-Quatschern vor die Augen fahren kann. Oder wir kaufen Richtmikrophone, mit denen wir die Quatsch-Spezis einfangen, dann fahren wir den Gesang von der Bühne auf dem Mischpult einfach runter und die Quatscher senden wir laut über die Anlage. Irgendetwas in die Richtung… Ich will diese, nicht wirklich ganz neue, Ego-Kultur in unserem Club nicht einfach so akzeptieren, denn ich arbeite für eine Show, wie etwa <Heisskalt>, mit der Präsenz am Showtag circa 28 Stunden und somit fühle ich mich auch persönlich beleidigt. Vieles hat sich in den letzten Monaten hier auf dem Planeten MOKKA verändert, obwohl wir immer noch die Gleichen geblieben sind. Der Einbruch der Gastrozahlen geht Hand in Hand mit sehr schlechten Disco-Frequenzen. Noch vor zwei Jahren wurde eine schlecht besuchte Show wirtschaftlich durch die Disco-Einnahmen aufgefangen, was nun Geschichte zu sein scheint. Mir macht das etwas Sorge. Unsere Kosten haben wir schon massiv runtergefahren und auch die Shows sind realistisch kalkuliert, da kann nicht mehr viel weggespart werden. Auf alle Fälle war es bis jetzt ein harter Einstieg in das 30. Jahr von CAFE BAR MOKKA… aber: „Never give up! Keep on Rockin!“

Langsam löst sich der Osterpackungs-Jetlag etwas auf und mein Geist ist wieder etwas beschwingter. Draussen strahlt die Frühlingssonne und trotz Westwind möchte ich am liebsten auf das Fahrrad sitzen und losfahren. Aber noch ist der Text nicht fertig runtergeschrieben und somit ist nichts mit Freizeit… Keni fautsche Hoffnige, MC! Meinem Büro sieht man die vielen Showtage der letzten Woche an, überall Papier, Sonnenbrillen, Show-Kleider, Grafik-Bücher, Instrumente und ganz viel Anderes, das es eben für das Zelebrieren des Rock’n’Rolls so braucht. Die Backstage liegt ja genau gegenüber meines Büros und traditionell ist meine Bürotüre meistens offen. Die Künstler sind immer wie magisch von der ‚Kathedrale der Erinnerung an längst vergangene Zeiten’ angezogen und so ergeben sich immer wieder wunderbare Begegnungen und ein reger Ausstausch mit Menschen von nah und fern. Diese Tage habe ich auch realisiert, dass ich so eine Art Vaterfigur bin, für die jungen Künstler, die ja meistens schon fast zehn Jahre jünger als mein Sohn sind. Ich finde das irgendwie schön und da ich in solchen Wochen ja auch kein Familienleben habe, baue ich das halt in meine Arbeit ein. Da kommt mir gerade in den Sinn, dass es noch etwas vom feinen Osterlamm, das sechs Tage in Rotwein mit Bärlauch, Zwiebel und Muskat gelegen hat und dann mit Pelati-Tomaten und Minze sechs Stunden auf dem Herd stand, im Kühler hat. Hueregeil!

Da ich ja gestern Sonntag schon wusste, dass ich wohl am Montag geistig nicht so parat sein werde und das Schreiben nicht so easy sein wird, habe ich mir einen Text ausgesucht, den ich schön finde und den ich mit gutem Gewissen hier in diesen April 2016-Text einbauen kann. Er handelt vom Sommer, vom Grillen und anderem: 

„Aschi, di Cervelat wär nache!“ – Ein paar Gedanken zum Sommer und zu unserer Umwelt.

Freizeit und Ferien, also die freie Zeit, in der wir  nicht arbeiten müssen, in der wir das T(h)un können, was wir immer schon tun wollten.. oder eben das, was uns als Begehrlichkeit verkauft wird, ist uns heute das Heiligste. Der Traum der Freiheit wird heute, leider, meistens nur noch zur Belastung der Umwelt. Da fahren am arbeitsfreien 1. August hunderte der teuren Cabrios durch unsere Stadt, mit Bürgern des gehobenen Mittelstandes aus dem ganzen Land, Melanie Oesch mit dem Munisong plärrt da und dort aus der Audioanlage, Heerscharen von Töfffahrer brettern um den schönen Thunersee, alle auf der Suche nach der grossen Freiheit. Auf den schönen Wiesen am See wird gegrillt, was das Zeug hält und wenn der Einweggrill vom  Tankstellenshop nicht wirklich funktioniert, erinnert man sich an einen Winnetou-Film, wo die Indianer jeweils Holz verbrannten. Das hiess dann Lagerfeuer… und man bricht dann Holz ab den Bäumen. Das habe ich vor kurzem im Bonstettenpark beobachtet, ich glaubte ich spinne. Kids, natürlich weit weg vom nüchternen Zustand, mit dem iPhone in der Hand, die Louis Vuitton-Tasche im abgewinkelten Arm am modernen ‚Holzsammeln’.  Das ist unsere moderne Konsumwelt, die ich manchmal kaum mehr checke. Hey, wirsch langsam aut, Anliker!

Grillen scheint auch in der Thuner Gastronomie ein Hit zu sein. „Aschi di Cervelat wär nache!“ war gestern, heute geht man in den Fluss-Grill oder ins Steakhaus Gärbere, wo es dann ein wenig stilvoller zu- und hergeht. Ob diese Grills die Luftreinhalte-Verordnung einhalten können, weiss ich nicht. Ich weiss aber definitiv, dass ich und unsere Sammler/innen und wohl auch ein Teil des Publikums unseres Festival AM SCHLUSS am Ende des Abends wie ein verbranntes Steak riechen. Wenn ich frühmorgens nach Hause in meine luftdurchzogene Wohnung komme, muss ich zuerst einmal nachsehen, ob in meiner Abwesenheit irgend jemand in meine Wohnung eingedrungen ist und eine Tischgrill-Party gefeiert hat, weil ich das Gefühl habe, dass es in der Wohnung nach Grillieren stinkt. Ich kriege diesen Geruch nicht mehr aus der Nase und auch die Haare und die Kopfhaut sind voll kontaminiert. Es ist, wie wenn man im Garten arbeitet, dabei in Katzenscheisse greift und später beim Schweissabwischen ein Rest dieser Scheisse in die Nase bekommt… das bringt man nicht mehr raus. Das Gleiche ist auch beim Geruch verwester Tiere und Grillieren ist ja totes Fleisch verbrennen – einfach vor der Verwesungsstufe. Hey, sorry Metzger, Gastronome und Griller.

Das mit der Freizeit auf Kosten der Umwelt beschäftigt mich das ganze Jahr. 58 mal wurden die Ozonwerte in der Stadt und Region Thun alleine im Monat Juli überschritten und niemand kümmert das, wir tun weiter einfach das was wir tun wollen, ohne einen Gedanken an unsere Umwelt. An der Allmendstrasse, beim Bau des gewaltigen Baus auf dem Gerberareal, werden Beton-Fertigelemente per Sattelschlepper aus Deutschland hergefahren, um einen potthässlichen Bau hinzustressen, der keinen Bezug zur industriellen Geschichte des Areals herstellt, der nicht einmal mit der Allmendstrasse kommuniziert. Hundert Meter lang, fünf Stöcke hoch, nur tote Fassade und auf ewig keine Sicht mehr auf das Stockhorn. Das Ganze wird als Stadtentwicklung verkauft. Natürlich steht Minergie auf der Fahne, das tönt gut, ist aber ökologisch totaler Schwachsinn, wenn aus reinem Profitstreben die Isolationen und die Betonelemente aus Deutschland, Polen oder Moldavien mit treibstoffverbrennenden Motoren über tausende von Kilometern hergekarrt werden.  Nieder mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer!  „Aschi, di Cervelat wär nache!“  MC ANLIKER für das Thuner Tagblatt, 3. August 2013.

Ja, so ist das mit der Geschichte… Fluss-Grill und Steakhaus Gärbere sind nicht mehr, der potthässliche Bau bei uns an der Allmendstrasse steht öde und halb leer und das Stockhorn ist

wirklich aus dem Sichtfeld unseres Clubs verschwunden. Darum liebe Leser/innen, um so mehr:  „Never give up! Keep on Rockin!“ oder wie es die alte Dame aus Sigriswil schrieb: „Hold the Line MC!“ Unser April-Programm ist ein schönes: http://mokka.ch/ und wo unser Haus wohnt, wisst ihr alle!

MIT LIEBEN GRÜSSEN AUS DEM BERNER OBERLAND, EUER MC ANLIKER, DER MIT DEM LANGEN ATEM!