November 2016

30 JAHRE CAFE BAR MOKKA. EIN FACT, DER EINIGE EMOTIONEN AUSLÖST. KLAR IST: ALLES WIRD GUT KOMMEN. UND WIE FALSCH GESCHICHTE SEIN KANN. WORTE VON MC ANLIKER ZUM NOVEMBER 2016.

Am Dienstag, 1. November 2016 erhalte ich von der Stadt Thun den <THUNPREIS> für meine stetige, unermüdliche Arbeit für das Wohle dieser Stadt – sprich für 30 Jahre nicht Lockerlassen – und natürlich als Dank für 30 Jahre CAFE BAR MOKKA, dessen legendärer Ruf Thun, bei progressiven Menschen in der ganzen Schweiz, bekannt gemacht hat. Etwas, was vorher nur die Schweizer Armee fertig brachte, dies aber eher in negativem Sinn. Kultur statt Armee? Dieser Ansatz war in den Neunziger Jahren durchaus vorhanden, aber was daraus geworden ist, gleich etwas später im Text. Ich werde nun viel gefragt, was dieser Preis mir bedeutet? Ich finde es schön, diesen Preis zu erhalten und sehe ihn vor allem als Anerkennung für CAFE BAR MOKKA. Mich wird der Preis nicht ändern. Ich will weiterhin den Planeten Mokka betreiben und zwar mit voller Kraft. Wir haben nach dem Start, 2014, der Jazz-Serie <Cocoon> mit dem Colin Vallon Trio, die alle zwei Wochen bei uns stattfindet, jetzt noch eine weitere Serie lanciert: <Konzerte für Familien>. Einmal im Monat an einem Sonntagnachmittag geben wir Eltern die Gelegenheit, zusammen mit ihren Kindern, gute Musik – in einer professionellen Umgebung – zu hören, dort wieder hinzugehen, wo man vor Jahren ein und aus ging und diesen Ort seinen Kindern nun Stolz präsentieren zu können! (Guet gseit, MC.) Dazu begrüsse ich Karjna Beck, die als Kulturvermittlerin für uns arbeiten wird. Das Endziel wird dann ganz klar <KONZERTE FÜR BESTANDENE MENSCHEN> sein, Konzerte für Senioren und Seniorinnen, die ja auch schon mit Bob Dylan, The Beatles und den Rolling Stones aufgewachsen sind.

Merci also der Stadt Thun für diesen Preis! Weil ich nicht alle Leute ins Rathaus einladen konnte, gibt es nach der offiziellen Feier, ab 21.30 Uhr, im Club ein gemütliches Zusammentreffen und Abhängen, mit gratis Getränken im Konzertraum. dazu seid ihr alle eingeladen!

Also, jetzt noch, wie oben versprochen, etwas zu Armee und Kultur. Letzten Samstag, 22. Oktober 2016 waren in Thun um die 100’000 Besucher/innen für das Mega-Event <Thun meets Army & Air Force> unterwegs. Ich bin nachhaltig geschockt. ich weiss ja, dass es viele konservative Menschen in diesem Land gibt und dass diese Tendenz eher steigend ist, aber wenn man dann in seinem wohlbeschallten und gut geschützten Ghetto an der Allmendstrasse zum Fenster rausschaut und diese Masse von <guten> Schweizer Bürgern vom Armee-Défilée zurück in die Stadt strömen sieht, da wird es einem richtig anders. aber richtig! I gloubes hüt no nid. Fr. 500’000 habe das alles gekostet… so ein Fake. Unter zwei Millionen bekommt man einen solchen Anlass sicher nicht hin. Und da sind dann immer noch keine Jets eingerechnet. 170’000 Besucher/innen waren laut den Medien in den drei Tagen auf dem Set, sicher auch viele ehemalige MOKKA-Konsument/innen mit ihren Kindern, weil die ja gerne Flugzeuge, Panzer und Uniformen haben. Original Ton…

Wir hatten am Abend eine wunderprächtige Show mit <SILBEREN>, einer Combo, die alte Volksmusik neu interpretiert, so etwas von schön. Mein Herz wurde richtig warm und für mich war das wieder einmal ein Moment, wo meine Arbeit, mein Leben, auf den Punkt gebracht wird. Es macht so was von Sinn, weil mit dieser Arbeit – dem engagierten Betreiben eines Musikclubs – Menschen nachhaltig glücklich gemacht werden können. Klar, gemessen an den Tausenden auf der Allmend waren es verdammt wenige, aber was soll’s. Im Veranstalten von schlechtbesuchten Shows bin ich richtig Profi, das war schon immer so und das wird wohl so bleiben. Hold the Line MC!

Wunderschöne, spannende, faszinierende, beglückende und nachhaltig wirkende Konzerte habe ich dank der Existenz unseres Club über all die Jahre mehrere Tausend gehört, inklusive Soundcheck und dem ganzen Drumherum. Dies ist der grösste Lohn für meine Arbeit und ich bin mir auch sehr bewusst, wie privilegiert ich bin, 30 Jahre an m/einem <Projekt> arbeiten zu dürfen. Niemand und niemals  hätte ich oder jemand anderes gedacht, dass <es> so kommen wird, wie es gekommen ist. Biografisch gebe ich definitiv nicht sehr viel her: Aufgewachsen am Dahlienweg in Thun/Dürrenast, neun Jahre Primarschule im Gotthelf-Schulhaus, Rasenmähen bei einem reichen, unfreundlichen und geizigen Thuner Geschäftsmann im Wochenplatz, Lehre als Maurer beim damals noch nicht ganz so grossen Baumulti Frutiger, Baustellen in der Region, Spital Zweisimmen, Höhenklinik Heiligenschwendi und manch andere Bausünde. Junge Kirche, das war damals unser Freiraum im Quartier, da gab es Mädchen und einen Partykeller… Organisation der ersten 2. Folkkonzerte.

Erste eigene Wohnung an der Aarestrasse in Thun… eine klassische Hippie-Karriere mit viel freier Zeit für das Konsumieren des Weltsortiments von Haschisch, das Mitte bis Ende Siebziger Jahre noch richtig umfangreich war. Wer kennt heute noch frischen, grünen Türk? Himmlisch war der, damals! Erdogan würde besser auch zwischendurch einmal davon probieren, falls es diesen <Stoff> noch gibt. Schwarzen Afghan, der uns damals durch Thuns Strassen schweben liess, roter Libanese, grüner Maroc und all die anderen guten Sachen, die es eben auch noch gab. viel Sex war eh klar und dann kam politisches Engangement dazu und auch noch die obligaten Reisen im Winter, wenn auf dem Bau die Arbeiten eingestellt waren, weil es damals noch richtig Winter war und die Bau-Chemie noch nicht so parat wie heute war. Italien, Spanien, Portugal und natürlich Marokko… nicht gerade die Hölle. Mit 20 wohnen in der verrufensten Wohngemeinschaft  der Stadt (es gab nur zwei WGs), Kulturarbeit im Jugendhaus Thun, Politarbeit in Bern und immer toll <Bom Shiva>! Dann Umzug nach Hünibach, jung Vater. Hausmann und Allround-Bauprofi in Bern. gut verdient, gut gelebt, wenig ausgelassen.

Und dann kam schon CAFE MOKKA in mein Leben. Das Wort BAR war am Anfang noch nicht dabei, weil der Club aus der Institution Jugendhaus Thun entstanden war (Jugendhäuser waren selbstverständlich Alkoholfrei). Angefangen hat die Geschichte des Clubs mit dem Umbau der Parterre-Räumlichkeiten, dem Konzertraum und der Küche, den ich für die Stadt Thun plante und ausführte. Das war im Herbst 1986 und dauerte gute zwei Monate, danach wurde toll Eröffnung gefeiert, der erste Abend ohne mich, das hätte ich nicht ertragen… wer Handwerker/in ist, kann das nachvollziehen. Reto von Gunten, später Star-Moderator bei DRS 3, das damals ganz klar das höchste war (zumindest war es unser Radio!), trat mit seiner Band auf. Das ganze Instrumentarium und ein riesiges weisses Tuch in der grösse von vier Leintüchern rochen penetrant nach dem verschimmelten Gewölbekeller des Maison Born an der Hofstettenstrasse, ich war schockiert… und verdünnte mich. Das war wohl besser so, mir reichte der nächste tag! Die ganze Pracht war schon abgerockt! Noch weit und breit nichts von schön, gepflegt, liebevoll und ansprechend, wie der Club heute ist. Niemand kann sagen, wie die ersten Bands abgehandelt wurden, ob sie etwas zu Essen kriegten, ob es Bier für sie gab.

Es gab am Anfang des Clubs eine Kulturgruppe mit Sitzungen, an denen so viel geraucht wurde, dass man zwischendurch seine Tischnachbarn gar nicht mehr erkennen konnte, eine Beizengruppe, eine Lismigruppe, aber keine Hodenbadengruppe wie in Bern (bei mündlicher Anfrage gebe ich gerne Auskunft darüber)… und es gab eine Vollversammlung. So war das damals. Stefan Geissbühler, der heutige Chefredaktor des TT und des Berner Oberländers, war jung, sexy, Rockstar, war auch in der Konzertgruppe und wurde von mir <Kiddy> genannt. Kiddy heisst er heute noch, das und eben das andere mit den diversen Betriebsgruppen ist Fact! Der Rest ist Geschichte und das ist dann wieder eine andere Sache. Selbst ich, der bei fast allen Shows als Verantwortlicher dabei war, weiss nicht wirklich mehr alles. Wenn ich auf unserer neuen Website WWW.MOKKA.CH im umfangreichen Archiv wühle, stosse ich auf Band-Namen, die ich vermeintlich noch nie gehört habe. Bei anderen geht gleich ein Film ab und alles ist wieder da, abrufbar, als wäre es letztes Jahr gewesen.

Es kommen immer wieder Leute in den Club, die behaupten, dass damals, als sie hier verkehrten (was auch immer das heisst…), die Bühne noch da war, wo jetzt das Mischpult steht. <Tröim witer>, sage ich dann, weil definitiv nie eine Bühne dort stand. Dies und Anderes zeigt mir klar auf, dass es keinen Sinn macht, zu diesem 30 Jahres Jubiläum ein Buch zu machen. Lieber verwende ich meine Energie zum Weiterkommen. Hold the Line MC. Die Arbeit mit dem Club ist mehr geworden, die Zahlen sind stark eingebrochen, das Genre <CLUB> ist Auslaufmodell, heute ist alles <Event>, alles mit Vorverkauf, alles kalkulier- und voraussehbar und CLEAN! Die ganze Unterhaltung hat Mann/Frau auf dem Smartphone, niemand braucht mehr Spezialisten, die mit ihrer langjährigen Erfahrung gute Tipps geben können, weil sie etwas mehr Überblick über das Ganze haben. Heute haben alle Menschen vermeintliches Wissen, ohne viel erfahren  zu haben. Darum meint man, alles schon zu kennen und darum geht man eben auch nicht mehr ausser Haus um neue Sachen – wie zum Beispiel Musik – kennen zu lernen und weil man auch nicht mehr in die Tiefe gehen will. Das ist eben auch Fact!

Hold the Line MC… ist ein guter Spruch, der mir die liebe Frau Sauser aus Sigriswil vor einiger Zeit geschenkt hat. Frau Sauser ist sicher über 70, wenn nicht 80-jährig und arbeitete als junge Frau in London (darum in Englisch). Über ihre Enkelin und via Medien beobachtet sie CAFE BAR MOKKA und findet es eine sehr gute Sache… finden wir auch und vielen Dank für die lieben Karten aus Sigriswil. Es ist schon so, dass wir mit unserer Arbeit immer schon und immer noch Emotionen auslösen, es gibt viele solche Geschichten und Anekdoten dazu. Das 30 Jahre CAFE BAR MOKKA  Jubiläum nutze ich persönlich aber lieber zum Vorausgehen, denn der Weg war immer schon das Ziel!

Liebe Leserinnen dieses Textes, schaut unser November 2016 Programm genau an, es ist voll wunderbarer Musik, für die es sich lohnt, die Fernbedienung des Home-Media-Centers in das Tiefkühlfach zu legen und den Weg an die All-Mensch-Strasse auf sich zu nehmen, denn wo unser Haus wohnt, wisst ihr alle, sind wir ehrlich!

Auf weitere grossartige, herzerwärmende Momente und begegnungen in unserem Club freue ich mich riesig und wie schrieb einst mein Freund Sven Regener: Lieber Beat, dein Kommen macht den Tag zum Freund!

In dem Sinn schicke ich die besten Wünsche für das nächste Kapitel der Geschichte von CAFE BAR MOKKA in die weite Welt!

MIT RESPECT, EUER MC ANLIKER MONSTER OF CEREMONIES, MASTER OF HUMAN DISASTER, MASTER OF HERE!