November 2006

20 JAHRE BLUTENDES HERZ UND IMMER NOCH KEIN MERZ… AM DIENSTAG, DEN 28. NOVEMBER 2006 WIRD CAFE/BAR MOKKA 20JÄHRIG… DAS IST ZWAR SCHÖN, ABER NICHT NUR… KEINE ULTIMATIVE GEBURTSTAGSREDE UND DIE KUCHEN UND TORTEN ERWARTEN WIR VON EUCH… GUTE MUSIK MUSS NICHT UNBEDINGT EIN BEDÜRFNISS SEIN

Nun ist er also da, der magische Moment, wo ich einen Text zum 20jährigen Jubiläum von CAFE/BAR MOKKA schreiben muss/soll/darf… 20 YEARS OF HEARTBLOOD / CAFE/BAR MOKKA 1986-2006! Dieser Slogan ziert das Programmheft vom NOVEMBER 2006 und wird in diesen Wochen noch in anderer Form herausgegeben. Dass es keine Jubelfeier geben wird, war mir schon sehr lange klar… So eine Feier braucht viel Zeit, noch mehr Geld und die Kraft einer erholten Crew… Das alles hätten wir noch irgendwie durchpressen können, aber die Frage ist  ganz klar: Für welche Spezies??? Die meisten, die in all den Jahren irgendwie mit dem Club verbunden waren sind nicht mehr am Leben dieses Kindes beteiligt, kommen nicht einmal mehr auf ein Bier vorbei, auch wenn wir im Leben sehr vieler Menschen dieser Region in einer gewissen Zeit ihrer Sozialisation eine sehr prägende Rolle gespielt haben, neue Werte vermittelten, Menschen auf Kunst, Design und Kultur sensibilisierten, viele Menschen zusammengeführt haben und wohl mehr Ehen gefördert haben, als die SVP mit ihrer Familienpolitik… Nicht zu reden von der Fortpflanzung und all diesen Kidis, die heute wieder frisches Blut in unsere Gesellschaft bringen. Das ist eigentlich die gute Sache und darauf darf man schon fast ein wenig stolz sein… Schade finde ich trotzdem, dass Epochen von Menschen so gerade geschnitten werden und zur Geschichte deklariert und archiviert werden. Uns bleibt der ewige Neuanfang mit den Kidis der jeweiligen Generation und das Wissen, dass wir genau wegen dieser Situation von älteren, bestanderen Konsument/innen gemieden werden, obwohl wir ja bewusst, mit unserem Bühnenprogramm, auf eine gemischte Kundschaft hin arbeiten….

Nun, zu ändern wird das auch nicht sein, die Bedingungen, unter denen wir heute  diesen renommierten Club auf dem gewohnt hohen Niveau durchziehen, sind in etwa die ähnlichen wie anfang 90. Am Wochenende, Do. 19. -So. 22. Oktober 2006 hatten wir Konzerte vor 8 – 50 Personen und kaum einen Franken Einnahmen aus der Disco, weil die globale Klimaveränderung uns mittlerweile sommerliche Temperaturen bis Mitte November beschert, die jungen Besucher/innen mit ihren Snowboard und Hip Hop Klamotten ihren sommerlichen Ballermann Groove verlängern können und so das Betreiben eines Clubs zum Spiessrutenlaufen macht. Als Unternehmer probieren wir mit Schadensbegrenzung und betreiben unsere Gartenbar halt auch länger und so muss man den Leuten Zutritt zu den Toiletten gewähren und das wiederum ist der blanke Horror für unser Kassenpersonal, das angefickt wird, und das immer mehr unterhalb der Gürtellinie…

An der Übersättigung der Jugend  sind wir ja nicht ganz unschuldig… Wir als Pioniere der Vergnügungsbranche im Berner Oberland haben eben diese 20 Jahre der Clubgeschichte dazu genutzt diese: THE SHOW MUST GO ON Mentalität aufzubauen und zu festigen und immer da zu sein, immer parat, immer die neuen Acts im gepflegten Rahmen und immer die Blumen und moderate Preise. THE SHOW MUST GO ON… eben!!!
Mittlerweile haben wir eine Kundschaft, die sich vorstellen kann, dass CAFE/BAR MOKKA die Partyabteilung von MC DONALDS ist und die nicht mehr merkt, dass wir eine Bühne haben auf der Internationale Musikacts auftreten… Dort liegt auch der Grund begraben, warum mir nicht nach 20 JAHRE JUBILÄUMSFEIER zu Mute ist, die Tage. Für die Künstler/innen, die bei uns Auftreten sind wir, zum Glück immer noch die Helden der Clubscene und SIE sind es, die unserer Arbeit die gebührende Wertschätzung zollen, etwas, was lebenswichtig ist in einem so aufreibenden Geschäft wie dem unseren… das uns immer noch 18 Std. Tage beschert, 6 – 7 Tagewochen und ein bescheidenes Lohnkonto beinhaltet… Alles wie früher… denn heute braucht es noch einiges mehr an Büroarbeiten, Grafik, Website und… und… einfach alles Neue noch so <on the way> quasi noch nebenbei, wie ein Sommerfestival oder eine Regiotonwoche.

Nun hätte das eine flammende Hymne auf SEX, DRUGS AND ROCK`N`ROLL werden sollen, ein paar Anektöteli und ein paar Seitenhiebe, hier jemandem ans Bein pinkeln und da einen fadengrad in die Fresse…Nun, Idiot bin ich ja schon zur genüge, denn nur ein Vollidiot gibt so vieles an sozialem Leben auf, wie nötig ist, um dieses Kind CAFE/BAR MOKKA auch in der Endphase der Pubertät zu begleiten und  weiter Aufzubauen…und… so weiter… Also, gibt es hier nun doch noch ein wenig Thuner Nostalgie…Geschrieben wurde in all diesen Jahren eigentlich das Meiste… wobei natürlich alles sich immer wieder ändert und ein Schreiberling wie MC ANLIKER eigentlich jeden Tag mehrere Leserbriefe an die, noch, existierenden Zeitungen schicken könnte… die Themen zu der sich ein denkender Mensch äussern kann, sind sehr vielseitig und geschrieben wird sehr viel zu Kommentierendes… aber eben, 20 Jahre CAFE/BAR MOKKA ist ja wirklich nicht ganz ohne… 3 städtische Kulturminister und 1 Ministerin haben wir überlebt… 78 Anzeigen wegen <Wildem Plakatierens>… 14 Anzeigen mit 3 Gerichtsfällen wegen <nicht Schliessen eines Gastgewerbebetriebes> und somit Patentverletzungen… die uns einige Fr. 10`000.- gekostet haben… ein paar Ordnungsbussen wegen Beamtenbeleidigung… einige Sitzungen mit Chefbeamten der Stadt Thun… und  das wäre es dann auch schon… mit dem offiziellen Kontakt zu der Verwaltung und der Politik der Stadt Thun.

Am Anfang war das Verhältnis durch Angst vor uns bösen Buben geprägt, obwohl damals noch sehr viel mehr Frauen in der Organisation mitarbeiteten, weil ja Cafe Mokka, wie der Club anfänglich als alkoholfreier Betrieb hiess, eine Weiterführung des bestehenden Jugendhaus Thun war und Jugendhäuser waren damals basisdemokratische Diktaturen des jeweiligen Obergurus, um die Bestimmung dessen es auch immer interne Grabenkämpfe gab, wo dann der eine mit seiner ausgezerrten Frau und dem 3wöchigen Säugling an die Vollversammlung kam, um Mitleid zu erwecken und um allen zu zeigen, wie nötig er diesen Job hat. An dieser besagten Verhandlung sassen dann 100 Leute die ca. 1’500 Zigaretten verbrannten, wild durch und nebeneinander argumentierten und am Schluss musste der Säugling in ein Lungensanatorium eingewiesen werden… Ja, das waren die bewegten Jahre zwischen 1976 und 1983, wo in dem alten Haus an der Allmendstrasse 14 sehr vieles an gesellschaftlicher Veränderung, an Modellen für die Begegnung aufgeklärter und fortschrittlich denkender Menschen, aber auch an Bewusstseins erweiternden Substanzen ausprobiert und experimentiert wurde.

Es gab eine Beizengruppe, eine Kulturgruppe, eine Verwaltungsgruppe, ein Fotolabor, ein Musikraum, einen Frauenraum, einen Medienraum mit Druckmaschine aus Ostdeutschland, dies als ein Geschenk der PDA (Partei der Arbeit)… Und Zwecks Koordination des ganzen gab es die heilige Vollversammlung, an der dann immer sehr viel geraucht werden musste… Das Jugendhaus Thun hatte ende der 70ziger Jahre ca. 120 Publikationen abonniert… und aufgelegt und es gab Leute, die tagelang in irgendwelchen Bulgarischen Parteiblättern Reportagen über: wie ziehe ich den grössten Blumenkohl auf dem Balkon oder so… lasen, wenn möglich auf einem 42stündigem LSD Trip aus Californien….

Diese Parallelwelt wurde von der Gesellschaft nicht wirklich wahr und schon gar nicht Ernst genommen… etwas was auch dem Projekt CAFE MOKKA anfänglich passierte. Niemand kann  sich heute noch vorstellen wie stier, verkalkt und bieder es damals in dieser Garnison- sprich Militärstadt  zu und herging… Um 20 Uhr wurden die Trottoirs hochgeklappt und  die Strassen gesperrt… die Landjäger gingen nach Hause und der Bürger sollte ab dieser Zeit zuhause sein und zwecks guter Arbeitsleistung um 22 Uhr schlafen gehen. Um 24 Uhr sendete Radio Beromünster die Nationalhymne und dann war Funkstille im Schweizer Äther. Für uns Hippies aber war diese Kleinstadt ein Paradies und wer früh nach dem Motto: Ist dein Ruf mal ruiniert, lebst du völlig ungeniert…!!! lebte, konnte eigentlich sehr locker drauf sein, zumal die Arbeitssituation so war, dass Mann/Frau immer gute Jobs für 2 – 3 Monate fand und eine 3 Zimmer Altwohnung mit Balkon und gutem Bad, die damals niemand mehr wollte, für Fr. 200.- im Monat zu mieten war, auch für langhaarige, die in gewissen Beizen nicht bedient wurden… und das bei einem Einkommen von 2200.- – 2400.- im Monat… (rechnet ruhig auf heutige Verhältnisse um…)

Das waren die bleiernen Zeiten hier am Rande der Alpen, wo es im Winter noch 30 cm Schnee in der Stadt hatte und im Sommer noch niemand im Schadaupark in den Thunersee stieg, um ein Bad zu nehmen… Die Drogenversorgung war aber schon damals extrem gut… Es gab alles zu kaufen was irgendwie eingefahren ist…
Goldenen Libanesen, Blütenstaub aus der Türkei, frischen Shit aus Kerala, aus Nepal und Afghanistan, Thaisticks und LSD aus Californien, Speed aus Basel und Amphetamin Tabletten aus der Thuner Apotheke und natürlich Alkohol in rauen Mengen… Im Radio die Trio Eugster Hymne <alles fährt Schii…> die wir schnell einmal umgedichtet hatten in <aues fahrt i, aues fahrt…>

Aber irgendwann hatten selbst die Drogen keine Wirkung mehr… es musste eine gesellschaftliche Veränderung passieren, lieber heute als Morgen…. CAFE MOKKA war eines dieser Projekte, das antrat um die Veränderung zu vollziehen. Musik war zwar auch subversiv aber halt dennoch mehrheitsfähiger als politische Splittergruppen.
Und so kommt es, das wir heute, im Herbst 2006, Euch zum, geschätzten, 150zigsten Mal mit unserer Monatswerbung versorgen, bedrängen oder belästigen können, ein Grossstadtmusikprogramm vorlegen können und sogar noch etwas Geld auf einem Bankkonto liegen haben… Sehr viel dazu beigetragen haben, dass in dieser Stadt heute eine Party abgeht, die wir nicht mehr wirklich lustig finden… Behörden heute stolz auf die Kulturstadt Thun sein können… Thun nicht mehr nur im Zusammenhang mit der Schweizer Armee in das Bewusstsein junger Schweizer/innen gedrungen ist… Wir beständige Arbeitgeber… gute Auftragsgeber für regionale Hotels und Gewerbebetriebe sind und aus dem öffentlichen Leben dieser Kleinstadt nicht wegzudenken oder wegzubeamen sind… Und wir trotz grossem Frustpotenzial diesen Club und die viele Arbeit, die das Betreiben einer solchen Insel bedeutetet über alles lieben und zu vielem bereit sind… auch in Zukunft.

Denn: wir haben die lauteste Stereoanlage in dieser Stadt… einer der besten Cafes… Interessante und verrückte Menschen aus der ganzen Welt, die bei uns Auftreten zu Besuch… eine gute Küche… nettes Personal… nette Lieferanten und endecken massenweise schöne, interessante und unbekannte Musik… und dies alles haben wir täglich…!!!!!! Wenn ihr wisst, was ich meine…?? Einen Club wie CAFE/BAR MOKKA zu haben, ist ein grosses Privileg, das bin ich mir sehr stark bewusst. Der menschlich-soziale und gesellschaftliche Preis für meine 20jährige Arbeit ist sehr hoch… aber es gibt auch sehr viele hohle soziale Kontakte, die mir definitiv erspart bleiben… und dafür kann ich mit meiner Arbeit immer wieder Leute glücklich machen und Verbindungen zwischen Kulturen schaffen und das ist eine schöne Gewissheit, die ich mir gönne. So oder so ein Jubiläum macht froh… aber auch müde… müde… müde… müde………Zum Ende dieses Textes gibt es noch ein grosses Dankeschön an alle, die mit uns in irgendeiner Form zu T(h)un hatten, noch haben oder noch zu tun haben wollen… einen Toast auf unsere Mitarbeiter/innen… auf all die Menschen die uns in all den Jahren wohlgesinnt waren und auf unsere bunte Gästeschar, die uns halt nicht immer nur Freude beschert… Was soll’s! NOBODY IS PERFECT!!!!!

AUF WEITERE JAHRE HEBE ICH DAS GLAS UND SCHMEISSE ES AN DIE WAND… DIE WAND HÄLT…
U DAS NID WÄGEM GÄUT…!!!!! ANGERI HEI MEH UF DÄRE WÄUT…!!!!

LIEBE GRÜSSE SCHICKT EUCH EUER

MC ANLIKER
MASTER OF 20 YEARS OF HEARTBLOOD
MASTER OF REALITY
MASTER OF SPIRIT