Dezember 2016

LAUDATIO AUF BEAT ANLIKER ANLÄSSLICH DER VERLEIHUNG DES PREISES DER STADT THUN 2016.

Sehr geehrter Herr Stadtpräsident, sehr geehrte Damen und Herren, es fällt mir nicht schwer, eine Lobrede auf Beat Anliker zu halten, er ist seit fast dreißig Jahren mein Freund und der Umstand, dass er vor wenigen Tagen gestorben ist, ändert daran gar nichts. Dass wir diese Preisverleihung trotzdem durchziehen, hat natürlich etwas Exzentrisches, aber ich bin sicher, dass Beat Anliker, der neben vielem anderen auch ein großer Exzentriker war, seine Freude daran hätte. Da ist es vielleicht am Besten, wenn man konsequent ist und gleich noch einmal von vorne anfängt:

Sehr geehrter Herr Stadtpräsident, sehr geehrte Damen und Herren, lieber Beat,

als wir am 12. Juni 1987 mit Element of Crime zum allerersten Mal überhaupt in die Schweiz fuhren, um ein Konzert in Thun im Café Mokka zu geben, waren wir schon über einen Monat auf Tournee und am Ende unserer Kräfte. Nicht nur, dass wir damals natürlich kaum Geld verdienten, unsere Autos und Transporter selber fahren, unsere Verstärkeranlagen und Instrumente selber auf- und abbauen mussten und im Schnitt vor vielleicht 100 Leuten in kleinen Clubs spielten, es war auch noch so, dass wir direkt vor dem Thuner Konzert unseren Agenten und Tourmanager eingebüßt hatten, der hatte uns verlassen, um einen weitaus lukrativeren Job als Busfahrer bei den Toten Hosen anzunehmen. Er hatte uns zwar eine Ersatzfrau gefunden, aber die konnte erst einen Tag später, in Zürich, dazukommen. Mir gab er den Koffer mit den Verträgen und dem Geld, denn damals war man noch mit Bargeld unterwegs. Ich sollte gut drauf aufpassen, schärfte er mir ein, vor allem aber sollte ich darauf achten, dass wir noch vor dem Konzert die Gage bekommen würden, 1000 Schweizerfranken, „warte bloß nicht, bis nachdem ihr gespielt habt“, sagte er. Wir hinterfragten nie, was der Agent und Tourmanager sagte, er war der, der zwischen uns und dem Abgrund stand, das waren harte Zeiten, wir waren jung und wild und nicht übermäßig populär, da war eine Begegnung mit dem örtlichen Veranstalter oft unangenehm. Wenn es stimmt, dass die Klage der Gruß der Kaufleute ist, dann waren die Clubveranstalter damals sowas wie die Grüßauguste unter den Kaufleuten und ständig gab es Probleme mit dem Catering, den Getränken, der Gage, den Hotels, weil wir so wenig Zuschauer hatten und die Clubbesitzer in der Regel draufzahlten. Wir hatten jedenfalls immer etwas Angst vor ihnen und versuchten, ihnen aus dem Weg zu gehen, mit den örtlichen Veranstaltern sprach in der Regel nur der Tourmanager, und der beschwerte sich dann über die fehlenden Getränke und das schlechte Essen und trieb irgendwie die Gage ein, und so war ich, als der mit dem Koffer, als Tourmanager wider Willen, ordentlich nervös, als wir in Thun und im Café Mokka aufschlugen. Wir kamen also in den Club und da war die-ser Mann, Beat Anliker, und der sah aus wie eine freundliche Version von Robert Smith, nur noch geschminkter, und er stand da und kochte Essen für uns und sagte, wir sollten uns doch schon mal setzen, und wir setzten uns hin und er setzte sich dazu und schenkte uns was zu trinken ein. Ich war wegen der Sache mit der Gage sehr aufgeregt und textete ihn sofort mit der Ansage zu, dass ich gleich mal alles klären wollte, das mit dem Vertrag und der Gage, dann hätten wir das hinter uns und so weiter und so fort, und irgendwann beendete ich meine Suada mit der eigentlich rhetorisch gemeinten, aber alle meine Verwirrung auf den Punkt bringenden Frage: „Wie machen wir das denn nun?!“ und Beat Anliker lachte und sagte nur: „Cool!“

Und ich stellte sogleich mal die uncoolste aller Rückfragen mit den Worten: „Wie jetzt, cool, was heißt das jetzt?“ Und er sagte: „Cool, das heißt: Wir können jetzt nach oben gehen und ich gebe dir die 1000 Schweizerfranken sofort, oder wir machen das später, nachdem ihr was gegessen habt oder wann auch immer.“ Da hatte dann auch ich begriffen, wo wir waren: Wir waren bei Beat Anliker und alles war gut, denn so war Beat Anliker: Cool.

Damals war er noch Maurer und veranstaltete die Konzerte im Café Mokka neben der Arbeit, mit vollem Risiko, aus Lie-be zur Musik und aus Liebe zu seiner Heimatstadt Thun, denn er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass die Welt des Rock‘n‘Roll an seiner Heimatstadt vorbeigehen sollte, dass Rockmusik, Jazz, Folk, HipHop usw. nur in Bern, nur in Genf, nur in Lausanne, nur in Basel und, schlimmster Gedanke von allen für ihn, nur in Zürich stattfinden sollte. Er wollte Thun als eine Stadt, in der auch die alternative und Jugendkultur stattfindet, er wollte eine kulturell attraktive Stadt für junge und alte Leute, Normalos und Freaks, er machte da keine Unterschiede, wie er ja auch selber ein Freak war und zugleich ein geachteter und vollintegrierter Bürger dieser Stadt. Er hat sich dabei um Thun in einem Ausmaß verdient gemacht, wie man es vielleicht erst richtig wird überblicken können, wenn er einmal damit aufhört: Er hat gegen alle Widerstände und alle entmutigenden Ereignisse, die es natürlich bei einer solch langen und unermüdlichen Tätigkeit im Weinberg der Kunst auch gegeben hat, immer an seiner ganz persönlichen Mission festgehalten: Dafür zu sorgen, dass in Thun Dinge passieren, die eigentlich in einer Stadt dieser Größe nicht passieren können. Er hat Thun kulturell auf die internationale Landkarte gebracht, das ist nicht übertrieben, ich kann davon ein Lied singen, ich habe viele Musiker aus allen möglichen Ländern der Welt getroffen, die Thun kannten, weil sie irgendwann einmal dort gespielt hatten und dann ebenso wie ich mit leuchtenden Augen und Liebe im Herzen von dem sehr besonderen Menschen erzählen konnten, der dort das Café Mokka betrieb.

Und es spricht für die Weisheit und Weitsicht der politisch Verantwortlichen der Stadt Thun, dass sie Beat Anliker frühzeitig aus der Doppelbelastung aus Maurerberuf und Konzertveranstalter herausgeholt und ihm einen festen Job im Zusammenhang mit dem Café Mokka gegeben haben. Und es ist richtig und wichtig, dass man ihm jetzt den Preis der Stadt Thun verleiht. Er hat ihn verdient, wie überhaupt jemand einen Preis nur verdient haben kann.

Um auf meine Geschichte mit ihm zurückzukommen: Das war dann ein traumhaftes Essen und ein legendäres Konzert damals, es fand im Keller des Cafés vor etwa 90 Punkern statt, ohne Bühne, wir standen uns auf Augenhöhe gegenüber, die Band und das Publikum, denn so fand Beat es damals für uns am Besten und er hatte recht damit. Später brachte er uns in ein für unsere damaligen Verhältnisse geradezu obszön luxuriöses Hotel und ermahnte uns, ja die Mückenvertreibungsgeräte in die Steckdosen zu stecken. Ich schlug diese Ermahnung in den Wind und wachte am nächsten Morgen komplett zerstochen auf. Das war das letzte Mal, dass ich auf Beat Anliker nicht gehört habe.

Lieber Beat, bin ich stolz, dein Freund zu sein und gratuliere dir zu deinem Preis!

SVEN REGENER